
Vor ca. 2000 Jahren sprach Jesus Christus zu seinen Jüngern:
„Und ihr werdet gehasst sein von jedermann
um meines Namens willen.“(Lukas, 21,17)
Moderne Christenverfolgung in Nigeria
von Natalie Jahn
Die Bundesrepublik Nigeria, eine ehemalige Kolonie Großbritanniens, wird seit Ende der 1990er Jahre vermehrt von brutalen religiösen Konflikten zwischen Christen und Muslimen erschüttert. Angesichts dieser Tatsache stellen sich nun jedoch viele die Frage, wie es denn zu solch einem gravierenden, den nationalen Frieden des westafrikanischen Staates bedrohenden Problem kommen konnte, worin also seine Ursachen liegen, wie sich dieser Konflikt im Leben der dort heimischen Christen auswirkt und was regional getan wird, um weiteren Verletzungen der Menschenrechte dauerhaft vorzubeugen.
Nigeria, das mit ca. 144,72 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Land Afrikas, lässt sich grob in einen Nord- und einen Südteil einteilen, die beide unterschiedliche, beinahe gegensätzliche Geschichten vorweisen.
Seit 1086 bekennen sich die im Norden lebenden Stämme zum Islam, während der Süden im Mittelalter noch weitgehend verschiedenen Naturreligionen angehörte. Dies änderte sich jedoch mit der im Jahre 1472 gelungenen Entdeckung Nigerias der Portugiesen, die, mithilfe der im 16. Jahrhundert ebenfalls im Süden ankommenden Briten, nach und nach den Südteil christianisierten, wovon der Nordteil jedoch beinahe gänzlich ausgenommen war. Heute leben in Nigeria schätzungsweise 50% Muslime, 40% Christen und 10% Anhänger indigener Religionen. Lokal bedeutet dies, dass im Norden hauptsächlich der Islam (darunter Glaubensgemeinschaften der Sunniten, Schiiten, Anhänger des Sufismus, der ebenfalls noch in die zwei Bruderschaften des Qadiriyah und des Tijaniyah zu unterteilen ist, des Salafismus und Mahdismus), während im Süden der Protestantismus, im Südosten Katholizismus, im Südwesten Methodismus und Anglikanismus und im Westen letztendlich die traditionellen, afrikanischen Religionen vorherrschend sind. Ebenfalls hoher Popularität erfreut sich in ganz Nigeria die große synkretisch-afrikanisch-christliche Kirche. Durch diese verschiedenen Religionen und Konfessionen wird das bereits durch viele Sprachen entstandene Kommunikationsproblem enorm erschwert.
Gründe für diese zurzeit so brutal ausgeübte Christenverfolgung zu finden, ist nicht einfach, aber dennoch wird heute als mögliche Hauptursache die Ende der 1990er Jahre in den nördlichen Bundesstaaten erfolgte Einführung der Scharia, die Pflichtlehre und das religiöse Recht des Islam, das alle Lebensbereiche der dort lebenden Bevölkerung und somit auch die der Christen, umfassen sollte. Militante muslimische Politiker erhielten ebenfalls Geld und Waffenlieferungen aus dem Iran, Saudi-Arabien und Libyen und bauten somit zahlreiche prächtige Moscheen, wobei eine erste Zerstörungswelle, der hauptsächlich Kirchen zum Opfer fielen, folgte.
Als weitere Ursachen werden die sich gegenseitig im Weg stehenden Missionierungsarbeiten von Christen und Muslimen im Middle Belt und nicht zuletzt die sehr starke Mobilisierung der Religion für politische Zwecke, die unter anderem insbesondere den Zugang zu Ressourcen versprechen soll, denn immerhin verdient Nigeria jährlich Milliarden aufgrund seiner Erdölvorkommnisse und war Mitte der 1970er Jahre weltweit fünftgrößte Erdölexportnation. Leidtragende des Kampfes um die Herrschaft über Nigerias Ressourcen sind nunmehr wieder die „Kleinen“ im Volk, unter anderem eben die Christen hauptsächlich in Nord- aber auch Südnigeria.
Anhand von Einzelschicksalen in den Jahren 2002 bis 2006 soll nun aufgezeigt werden, dass Christenverfolgung, aus welchen Gründen auch immer sie erfolgt, kein Phänomen des Römischen Reiches war, sondern heute, im 21. Jahrhundert, ausgeführt in grausamster Härte, Gewalt und Unmenschlichkeit, weltweit Millionen Menschen bereits das Leben kostete und voraussichtlich auch noch weiterhin kosten wird. Nigerias Christen sind moderne Märtyrer, Menschen, die ihrem Glauben, ihrer Überzeugung bis in den Tod hin folgen.
Im Dezember 2002 überfielen muslimische Fanatiker das Dorf, in dem die 43-jährige Celina Jones lebte, um, mit Pistolen, Macheten und Gewehren, die dort ansässigen Christen zu töten. Um ihr Leben zu retten, versuchte sie mit ihrem Sohn in den Wald zu fliehen, wo zwei Männer sie schließlich einholten und mit Macheten auf sie und ihren 8-jährigen Sohn einschlugen. Ihr Sohn überlebte dieses Massaker nicht, während Celina schwere Schnittwunden im Gesicht, Nacken, Armen und Beinen davon trug, ihr Kiefer ernsthaft verletzt und dabei ein Teil ihrer Zunge abgetrennt wurde. Ihr Gesicht wird für immer entstellt sein. Trotz all dem Leid, dass sie erfahren musste, hat sie ihren Glauben nicht aufgegeben und erzählte: „Ich bin nicht verbittert. Der Tod meines Kindes hat mich zuerst in eine Krise gestürzt. Doch Gott hat mich nicht allein gelassen. Ich vermisse meinen Jungen sehr, doch ich weiß, dass wir uns im Himmel wiedersehen werden. Nichts geschieht ohne Gottes Willen und er weiß, wie alles ausgeht.“ Nach diesem traumatischen Erlebnis zog Celina Jones in ein Frauenhaus.
Unter der Einführung der Scharia leiden im nördlichen Nigeria nicht nur Kleinkriminelle, denen nach islamischem Recht gesunde Gliedmaßen amputiert werden, sondern vor allem christlichen Frauen, Frauen wie Charity, eine Christin aus der Stadt Kaduna. Sie durfte seither nur tief verschleiert ihr Haus verlassen, kein Taxi mit männlichem Taxifahrer benutzen und nicht ihren Blick in Gegenwart eines Mannes auf der Straße heben, da sich sonst ihr Gegenüber aufgrund eines potentiellen weiblichen Herrschaftswillen provoziert fühlen könnte. 2003 jedoch stürmten bewaffnete Extremisten ihr Haus und erschossen ihren Mann, der ebenfalls Christ war. Charity gelang in einem Augenblick des Durcheinanders auf dem Marktplatz, auf dem bereits viele Christinnen versammelt worden waren, mit ihren Kindern die Flucht. Schüsse fielen, aber es gelang ihr zu entkommen. Als sie endlich in Sicherheit war, bemerkte sie, dass ihre kleine Tochter, die sie auf ihren Rücken gebunden hatte, von einer Kugel getroffen worden war. Sie war tot. Nach einer Flucht in den Süden konnte sie sich dort, mithilfe von Kleikrediten, die der katholische Geistliche Obiora Ike christlichen Flüchtlingen vergibt, eine neue Existenz aufbauen.
Im Jahre 2006 wurde die Welt aufgrund der viele Muslime verletzenden in Dänemark veröffentlichten Mohammed-Karikaturen erschüttert, sodass es weltweit zu Demonstrationen und kontrovers geführten Diskussionen zwischen Christen und Muslimen kam. Auch in der nigerianischen Stadt Maiduguru, der Hauptstadt des nördlichen Bundesstaates Borno, in dem ebenfalls seit Ende der 1990er Jahre Scharia-Rechte gelten, wurden für den 18.2.2006 friedliche Demonstrationen einiger muslimischer Gruppen angekündigt. Ab acht Uhr morgens jedoch versammelten sich immer mehr und mehr Menschen auf dem zentralen Ramat-Platz, wütende Rufe erschallten durch die Stadt, Kriegsgesänge wurden angestimmt. Erste Fensterscheiben fielen Wurfgeschossen zu Opfer, bis sich die aufgebrachte Menschenmenge, bewaffnet mit Speeren, Macheten und Messern, aufmachte, um alles, was in ihren Augen nicht islamisch war, zu vernichten. Innerhalb von 7 Stunden, in denen die Polizei tatenlos zusah, wie in der Stadt jegliche Ordnung zusammenbrach, wurden 51 Christen getötet, Hunderte verletzt, unzählige vertrieben, 50 Kirchen niedergebrannt, 150 Wohnhäuser und 85 Geschäfte christlicher Händler völlig zerstört. Menschen, wie Pfarrer Matthew Gajere, dem ein benzingetränkter Autoreifen um den Hals gehängt und angezündet wurde oder, wie die nigerianische Zeitung The Daily Sun berichtete, weitere 6 Kinder vor den Augen ihres hilflosen Vaters, mussten bei lebendigem Leibe verbrennen. Aufgrund dieser Welle der Gewalt gelang es Scharfmachern, auch Christen gegen ihre muslimischen Nachbarn aufzuhetzen, sodass in der Folgezeit Moscheen brannten und Muslime verprügelt wurden. Viele Christen jedoch stellen sich der Herausforderung zu versuchen, ihren Peinigern zu vergeben, denn, wie Pastor Sundar seine angefochtene Gemeinde zu ermutigen versuchte, sollte man Hass und Mord den Extremisten überlassen, denn „unsere Hände sind zum Segnen und Vergeben da."
Doch wie die Geschichte von Francis Odo und seiner Familie zeigt, verfolgen nicht nur fanatische Muslime ihre christlichen Nachbarn, sondern auch Anhänger des traditionell afrikanischen Ahnenkults. Als bekannt wurde, dass sich Familie Odo dem christlichen Glauben zugewendet hatte, forderte der Dorfälteste zuerst nur Geld und Lebensmittel als „Strafe“von dem Familienvater. Da er sich dieser Aufforderung verweigerte, wurde die Familie allseits gemieden. Erschienen sie auf der Straße, wurden Fenster und Türen verriegelt, niemand kaufte mehr Ngozi Odos Ware auf dem Markt, alte Spielkameraden ihrer Kinder duften nicht mehr zum Spielen kommen. Einige Zeit später jedoch wurden heidnische Symbole auf ihrem Grundstück postiert und somit der Bann über die 9-köpfige Familie verhängt. Da sie sich weiterhin weigerten, die traditionellen Götter anzubeten, wurde ihr Haus mitsamt Francis‘ Fahrradwerkstatt niedergebrannt und die Familie für immer aus dem Dorf vertrieben. Sie fanden bei einem Pfarrer in der Nachbarschaft Zuflucht, der sich ebenfalls dafür einsetzte, dass die Familie vielleicht wieder in ihr Dorf zurückkehren dürfte. Der Ausgang dieser Tragödie ist unbekannt.
Besonders erschreckend jedoch ist, dass selbst junge Menschen, Schüler, nicht vor Gewalt gegen Christen zurückschrecken. Diese Erfahrung musste am 3.7.2006 auch der im hauptsächlich muslimisch bevölkerten Bundesstaat Yobe, in Geidam, unterrichtende Lehrer Crescent Aroh machen. Bei den Prüfungsvorbereitungen ermahnte er einige Schüler, die Traktate, die unter der Bank gelesen wurden, unwissend, dass es sich um islamisch-religiöse Literatur handelte, wegzuräumen. Die Schüler wurden ärgerlich und „fragten mich frech, ob ich nicht Angst hätte, inmitten von 40 muslimischen Schülern Allah zu beleidigen“, wie der Lehrer berichtete. Bevor er reagieren konnte, wurde er nach draußen gezerrt und, während es den drei weiteren christlichen Schülern gelang zu fliehen, mit eiligst herbeigeholten Holzknüppeln und Latten bewusstlos geschlagen. Dem Rektor, einem in der islamischen Gemeinde geachteten Mann, gelang es schließlich, seinen Kollegen zu retten und ins Krankenhaus zu bringen.
Diese wahrlich erschütternden Berichte lassen die Hoffnung auf ein Leben in Frieden in dem westafrikanischen Land nahezu verschwinden, aber die sich in dieser Gefahr befindenden Christen geben die Hoffnung, ihren Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit nicht auf und versuchen mit den Muslimen und mit den die Ahnen verehrenden Stammesfürsten in einen Dialog zu treten. Um diesen Dialog möglich zu machen, rief der katholische Geistliche und nigerianische Generalvikar Prof. Obiora Ike die alte afrikanische Tradition des Palavers wieder wach. Bei solch einem Palaver setzt man sich, unabhängig von sozialem Stand, Alter und Religion, zusammen und diskutiert sämtliche Problemsituationen ausgiebig aus. Pfarrer palavern mit Imanen, Christen mit Muslimen, Kirchenvertreter mit Regierungsbeamten. Durch diese Palaver versucht man, verlorenes Vertrauen wieder herzustellen und somit Verfolgungen und Massakern entgegenzuwirken. Pfarrer versuchen auch, den Dialog nicht an der breiten Basis der muslimischen Gläubigen zu führen, sondern mit Emiren, Ältesten und Imanen, da sie glauben, erst so auch von dem „unteren Teil“ der Gläubigen ernstgenommen und nicht als Bürger zweiter Klasse angesehen zu werden. Doch nicht nur christliche Geistliche versuchen, Frieden zwischen den Religionen zu stiften, sondern auch überzeugte Muslime, wie der Kaufmann Alhaji Isa Okeke oder Sani Ibn Salihu, der sogar schon Deutschland besuchte, um seine interreligiöse Arbeit vorzustellen. Er beispielsweise gründete das „Islamische Forum für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung“ und war mitverantwortlich dafür, dass für muslimische Prediger ein Richtlinienkatalog entworfen wurde, der unter anderem ausdrücklich den Aufruf zu Hass untersagt. Dieser Katalog musste von sämtlichen Predigern unterschrieben werden. Leider jedoch werden die sogenannten Hassprediger hauptsächlich in Saudi-Arabien oder dem Iran ausgebildet oder sogar von dort aus nach Nigeria eingeflogen, um dann vor Ort besonders dem hohen Anteil der arbeitslosen Jungendlichen den Hass gegen die Christen einzureden, wogegen Friedensstifter beider Religionen eben so gut wie machtlos sind. Um eigenen Flüchtlingen oder Gepeinigten zu helfen, entwickelte Pfarrer Obiora Ike ein Kleinkreditprogramm, mit dem sich Vertriebene auf Basis dieses Startkapitals eine neue Existenz aufbauen können. In westlichen Augen mögen vor allem die ersten Kreditbeträge von ca. 50 bis 300 € extrem gering sein, aber vor Ort reicht es, um sich eine neue Existenz, beispielsweise einen kleinen Laden oder eine Hühnerfarm, aufzubauen. Finanziert mithilfe von internationalen Spenden, beispielsweise der Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK), können auch christliche Gefangene, deren Schuld mehr als zweifelhaft ist, auf Kaution aus ihren Massenzellen freigekauft werden. Ebenfalls ist man sehr bestrebt, trotz großer regionaler konfessioneller Unterschiede, Einheit zwischen den Christen zu erreichen, denn Pastor Bitrus, der die Christian Organisation for Renewal and Development (CORD) gründete, ist sicher, dass die Extremisten alle töten wollen, „egal, ob wir Pfingstler, Katholiken oder Anglikaner sind. Nur unsere Uneinigkeit hat es dem Teufel erlaubt, uns so hart zuzusetzen“.
Abschließend ist zu sagen, dass trotz schwerer Verfolgung und mehr als 11 000 ermordeter Christen in den Jahren 1999 bis 2005, das Gemeindewachstum in der westafrikanischen Bundesrepublik Nigeria von dem Missionswissenschaftler Patrick Johnstone als „spektakulär“ bezeichnet wird. Dieses in solch kurzer Zeit erfolgte, derart hohe Gemeindewachstum, hängt wohl vor allem damit zusammen, dass jeder Nigerianer, der Christ geworden ist, versucht, allen, Verwandten, Bekannten wie Fremden, den, wie es im Matthäus-Evangelium Kapitel 7, 14 heißt, „schmalen Weg, der zum Leben führt“ zu weisen.
Quellen:
Der Fischer Weltalmanach 2009, Stichwort Nigeria
Meyers Großes Standardlexikon, 1983, Stichwort Scharia
Encarta Enzyklopädie Standard 2003, Stichwort Bundesrepublik Nigeria
www.peterhunziker.ch, Interne Probleme in Nigeria
Nigeria 2007- Wir vergeben, DVD der Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK)
HMK Jahrbuch 09 , Stichwort Nigeria
Ausgaben der Zeitschrift der HMK „Stimme der Märtyrer“ :
2/2005
7/2005
8/2005
9/2005
6/2006
7/2006
11/2006
12/2006