David Garrett

David Garrett

Rockstar ohne Gitarre

 

 

Noch vor kurzer Zeit war die klassische Musik ein in sich geschlossenes, komplexes Konstrukt mit einer sich isolierenden Sympathisantengruppe. Dieses oft als verstaubt geltende Musikgenre erfährt derzeit eine Art Reinkarnation. Jedoch findet diese Begeisterung nicht nur in angestauten Bussen diverser betreuter Alterswohngemeinschaften vor Konzertsälen ihren Ausdruck, sondern auch das jugendliche Publikum tritt häufiger den Gang in solch kulturelle Säle an, die als inoffizielles Sperrgebiet eben dieser galten.
Auch ein Blick auf die Charts zeigt ein Klassikalbum, welches in der Branche etablierte Breitbandpopkünstler hinter sich lässt.
Eine Erklärung für dieses Phänomen findet sich bei einem Vertreter dieses strukturellen Wandels, David Garrett. Der aus Deutschland stammende Violinist fiedelt mit seinem neusten Album "Encore" auf einer Welle des Erfolgs.
David Garrett wurde am 4. September 1980 in Aachen unter dem Namen David Bongartz geboren. Im zart besaiteten Alter von vier Jahren bekam er die erste Geige geschenkt und wurde zunächst von seinem Vater unterrichtet. Es folgten Lehrjahre bei äußerst bekannten Geigenlehrern dieser Zeit, wie Zakhar Bron und Ida Haendel. Er ist Absolvent der renommierten Juilliard School, ein Musikkonservatorium, und besuchte dort die Meisterklasse von Itzhak Perlman, der als einer der bedeutendsten Geiger der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt.
David Garrett veröffentlichte in den Jahren 1995 bis 2008 acht Alben, von denen sein letztes Album Encore den siebten Platz in den deutschen Albumcharts erreichte. Er ist der Inhaber eines Guinness World Records als schnellster Geiger. Als Referenz hierfür dient der Hummelflug von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow. Dieses Stück spielte er fehlerfrei in einer Zeit von 65,26 Sekunden.
Er spielte abwechselnd auf Violinen der Geigenbaumeister Antonio Stradivari (San Lorenzo Stradivarius 1718) und Giovanni Battista Guadagnini aus dem Jahre 1772. Eine Violine aus der Manufaktur des italienischen Meisters Stradivari erzielt einen Wert von mehreren Millionen Euro.
Große mediale Aufmerksamkeit erlangte er bei einem Auftritt als Laudator der Games Awards, bei denen er die Titelmelodie des wohl berühmtesten Klempners der Welt spielte, und der Echo Verleihung 2008. Hier wurde ihm eine dieser begehrten Trophäen in der Rubrik Klassik ohne Grenzen verliehen.
Dieser Titel, seines 2008 gewonnenen Preises, ist bezeichnend für dessen Attitüde zur Musik und ihrer Interpretation. Das Crossover-Projekt (Verschmelzung zweier Musikgenres) Encore verbindet die klassische Musik mit Elektronik, Pop und Rock. Bei vielen aus der Feder Garretts stammenden Interpretationen werden bekannte und erfolgreiche Lieder aufgegriffen und neu ausgelegt. Als Exempel hierfür können „Smooth Criminal“ von Michael Jackson, „Ain´t no sunshine“ von Bill Withers, „Thunderstruck“ von AC/DC, sowie das Titelthema von Fluch der Karibik genannt werden. David Garret sprengt die Grenzen der konservativen Klassik und findet neue Wege, die auch das junge Publikum begeistern. Das Projekt trifft jedoch nicht nur auf euphorische Sympathisanten, sondern wird von Puristen und Kritikern als eine kommerzielle Vermarktung rezensiert.
In einem Zeit-Interview vom 08.01.2009 nimmt er Stellung zu dieser Streitfrage:
„Man kann mich kritisieren, wie man will. Aber immer wird beklagt, dass keiner zu Klassikkonzerten kommt und die Musik ausstirbt. Wenn jemand Talent mitbringt und etwas dagegen tut, wird es aber ignoriert. Manchmal habe ich das Gefühl, einige wollen gar nicht, dass sich was ändert. Offiziell ist die Klientel der Klassikhörer immer sehr sozial, und es heißt: "Wir sind alle Menschen." Aber im Endeffekt wollen sie allein in ihrer Glaskugel bleiben. Niemand darf daran rütteln.“
Gewiss ist es nicht abzustreiten, dass David Garrett dieses Genre in gänzlich anderer Art vertritt und vermarktet, wie zuvor bekannt. Doch Garrett verzichtet nicht auf Altmeister und Virtuosen der „alten Schule“, wie Beethoven oder Bach und füllt auch mit den Stücken dieser die Konzertsäle. Auch die Gruppe bond, ein australisch-britisches Klassik-Crossover-Streichquartett, publiziert Crossoverstücke in ähnlicher Art und Weise. Aufgrund der hier herrschenden Diskrepanzen in punkto Qualität und Authentizität, distanziert sich David Garrett von dieser Gruppe und ihrer leicht bekleideten Darbietung der Musik.
Der Rockstar-Style des 29-jährigen und die Arbeit als Fotomodell, was die Anzahl seiner weiblichen Fans sicherlich steigerte, tragen zu seinem Erfolg bei. Doch was ist daran verwerflich, wenn er als Medium fungiert, das eine Brücke zwischen der klassischen Musik und der diesbezüglich so desinteressierten Jugend baut? Auch ein Mozart wurde für seine Werke bezahlt……
 
Florian Rinnert