
Auf eigene Verantwortung
Nach dem Nachhausekommen schaltet Johannes sofort den Computer ein. Er muss unbedingt schauen, ob es einen neuen Beitrag in der Gruppe „Ich verabscheue Herrn Martin“ gibt, um immer up to date zu sein und auch ja nichts zu verpassen. Sofort gibt er auch wieder einen neuen Kommentar ab.
Es ist zur Zeit verdammt cool, im Internet über Lehrer abzulästern. Ganz anonym und keiner erkennt mich, ich kann also schreiben, was ich will. Denken zumindest die meisten Nutzer, wie zum Beispiel Johannes. Doch es lesen mehr mit, als man es für möglich hält. Das Internet ist nicht im Geringsten anonym: Alle Bits und Bytes, die man versendet, werden schon vom Provider „notiert“. Was aber noch viel schwerwiegender ist, ist, dass bei einer Plattform wie schülerVZ jeder Zugriff auf das Profil der anderen hat, sofern diese es nicht verbieten, was aber meistens nicht der Fall ist. Auch viele Lehrer finden sich in diesem verwirrenden Netz wieder, und das in Form eines Gruppennamens. Manche Pädagogen haben jetzt schon eigene Accounts, um etwas rumzuschnüffeln; definitiv verständlich.
Das Kontrollsystem hat Lücken, wohin man auch schaut. Es gibt ja nicht nur Plattformen wie das schon genannte schülerVZ, weltweit gibt es dutzende dieser Foren im großen Stil und noch unzählige unbekannte.
Man kann dieses Thema moralisch betrachten oder auch danach fragen, ob sich das Ganze überhaupt lohnt. Die Antwort hierauf kann nur nein lauten. Was für einen Vorteil soll man daraus ziehen, jemand anderen zu beleidigen? Jeder, der auch nur einen Funken Intelligenz im Kopf hat, wird mich verstehen. Dieses Handeln ist sehr kontraproduktiv, eine erhoffte Karriere kann schneller als gedacht schon wieder ausgeträumt sein. Jede große Firma hat ihre Leute, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als das Internet nach Daten der Bewerber abzusuchen.
Aber so ist heutzutage die Gesellschaft, ethische Werte haben keinen Stellenwert mehr, nur noch wenige machen sich schon früh Gedanken, wie später einmal das Leben aus beruflicher Sicht verlaufen soll. Die Lehrer sind die Leidtragenden dieser Entwicklung, was zu starken seelischen Schäden führen kann. Doch das ist den Schülern egal, es ist ja nur ein Lehrer. Man kann dieses Problem fast nur durch strengere Kontrollen in der Erziehung lösen. Und das fängt schon früh an: Bereits im Grundschulalter haben die heutigen Schulanfänger immer weniger Respekt vor der Lehrkraft, werden immer frecher. Die Eltern denken sich, dass der Lehrer für die Erziehung ihrer Kinder bestimmt sei, doch dies ist nicht der Fall.
Und das zieht sich durch bis zur weiterführenden Schule. Solche Mobbingattacken sind unabhängig vom Schultypus, überall findet das gleiche „Leid“ statt. Vielleicht sollte man im eigenen Interesse mal schauen, ob die persönlichen Informationen, die preisgegeben werden, niemanden erniedrigen, denn alles, was im Internet auftaucht, ist rechtskräftig und kann gegen einen verwendet werden.
Vielleicht haben die Lehrer wenigstens in den Weihnachtsferien eine besinnliche Zeit.
Robert Henzler