Olympische Sommerspiele 2008 in China

Der Versuch eines Resümees

 

Gut zwei Wochen ist es nun her, dass die Olympischen Spiele in Peking geendet haben. Die Flamme ist erloschen, die Medaillen verteilt. Doch was bleibt nach dem enormen Spektakel, das knapp 27 Milliarden Euro gekostet hat? Nun es gibt wohl viele Perspektiven, aus denen man das betrachten kann und noch viel mehr unterschiedliche Meinungen.

 

Es ist wohl unbestritten, dass China ein außerordentliches Engagement an den Tag gelegt hat. Nach der gescheiterten Bewerbung von 1993 haben die Chinesen sehr viel daran gesetzt, die Sommerspiele zu sich zu holen. Nicht nur das viel Kapital die Besitzer gewechselt hat. China hat sich im Vorfeld diplomatisch deutlich dem Westen angenähert. Beziehungen wurden geknüpft, Köpfe zusammengesteckt und viel geplant. Sehr viel geplant. Denn wenn die Chinesen eins gut können, dann ist es das Planen von großen Spektakeln, was wohl auf die sozialistische Vergangenheit zurückzuführen ist. So wurden mehr Hallen und Stadien neu gebaut, als schon vorhanden waren. Auch die Eröffnungsfeier und das Gesamtbild Pekings wurden bis ins letzte Detail geplant. So wurde Polizisten beigebracht, ständig zu lächeln und dunkle Wolken, zugunsten des schönen Panoramas, abgeschossen, Insgesamt war die Veranstaltung also sehr straff organisiert, was an dem großen Aufgebot an Sicherheitspersonal besonders gut zu beobachten war. Das hatte zur Folge, dass die Spiele an sich sehr ruhig abliefen. Bis auf ein paar Doping-Fälle und ein paar Proteste ging es wirklich nur um den Sport. Und natürlich darum, sich möglichst gut zu präsentieren.

 

Doch ob sich das Image Chinas durch die Spiele gebessert hat, ist fraglich. Zwar hat sich das „Reich der Mitte“ als weltoffen und gastfreundlich erwiesen, doch haben viele Ereignisse, die im Vorfeld stattgefunden haben, das Image recht schnell in Frage gestellt.

 

Zum einen wären da die vielen Zensur-Vorwürfe. So haben die Regierung und die entsprechenden ausführenden Organe, mehrere westliche Internetseiten gesperrt, mit der Begründung: „Der gefilterte Zugang sei 'ausreichend'."

Allgemein hatten es westliche Journalisten nicht leicht in China. So durften ausländische Journalisten erst nur teilweise bzw. gar nicht ins Olympische Dorf. Grund: Mangelnder Platz. Nicht nur den Journalisten war diese Ausrede etwas zu plump, wenn man doch die Extra-Neubauten im Hinterkopf hat. Also wurde die Regelung, aufgrund des riesigen Aufschreis der westlichen Welt, gelockert. Später durften Journalisten „sogar“ ohne Voranmeldung und Aufpasser auf den Tiananmen-Platz, den „Platz des himmlischen Friedens“.

 

Doch nicht nur die Journalisten hatten es schwer…

Um das Image und die Schönheit Pekings zu bewahren, wurden Millionen von Wanderarbeiter vor die Stadt gesetzt. Die in sehr ärmlich Verhältnissen lebenden Wanderarbeiter, welche sich ohne festen Halt und Sicherung durchs Leben kämpfen, warfen ein schlechtes Bild auf die Stadt. Darum mussten sie Peking für knapp einen Monat verlassen.

 

Die Meldungen über Vorfälle ähnlicher Art häuften sich: Zensur, Protest, Fahrverbot für bessere Luft, solche Neuigkeiten waren ständig im Vorfeld zu hören. Doch ein Thema stach insbesondere heraus:

Tibet.

Schon während des Fackellaufs gab es ständige Proteste und Behinderungen mit Tibet-Sympathisanten. Das Interesse für das mehr oder weniger besetzte Tibet hatte die chinesische Regierungspartei wohl unterschätzt. Die Solidarisierung mit Tibet war fast eine Pflicht für jeden westlichen Bürger, auch wenn eher wenige über die genaue Situation Bescheid wussten. Doch ein Land, das unter einem nichtdemokratischen Land zu leiden hatte, musste einfach Mitgefühl ernten. Und so entstand eine große Anti-China-Bewegung, welche auch noch während den Spielen fleißig demonstrierte, Radiosender übernahm und Plakate an Masten hing. So hatte sich das die chinesische Führung wohl nicht gewünscht, denn es folgten nicht nur moralische Rügen, sondern echte politische Folgen. So wurden intensive Verhandlungen geführt, die zwar mehr oder weniger ergebnislos waren, aber Chinas gastfreundliches Image deutlich bröckeln ließen. Wahrscheinlich wird man auch noch in 50 Jahren an den Tibetkonflikt während der ersten chinesischen Sommerspiele erinnern.

 

Ein  weiterer wichtiger Punkt war der Kaukasus-Konflikt. Diese schwere Auseinandersetzung begann während der Spiele, als alle Augen, ob journalistisch orientiert oder nicht, auf Peking gerichtet waren. So wurde der Angriff Georgiens auf Südossetien kaum wahrgenommen und keiner bemerkte den kleinen Genozid der Georgier an den Südossetiern. Es lohnt sich wohl darüber nachzudenken, ob die georgische Führung diesen Zeitpunkt nicht absichtlich gewählt hatte. Friedliche Sportspiele als Verschleierung eines Angriffs. Denn kaum waren die Spiele beendet, wurde natürlich Russlands Zurückdrängen der georgischen Truppen in allen Medien gesendet und als Aggressor hingestellt. Von Vorwürfen gegenüber Georgien keine Spur. Fakt ist jedoch, dass der Angriff Georgiens genau während der Spiele stattfand und Georgien selbst nicht wenige Vorteile davon hatte.

 

Alles in allem waren die Sommerspiele 2008 also sehr vielseitig geprägt.

Im Nachhinein muss man sich fragen, was haben die Spiele gebracht, außer 41 Medaillen für Deutschland, 100 für China und 110 für die USA?

 

Nun, die Sommerspiele 2008 waren wohl das, was man unter politischen Spielen verstehen kann. Es ging viel um Image und um Chinas zukünftige Rolle im Weltgeschehen. Es hat sich klar positioniert und ein Interesse daran geäußert, internationale Beziehungen einzugehen. Dass es dabei vor allem wirtschaftliche Aspekte im Auge hatte, liegt wohl auf der Hand. Doch sollte der Westen auch die Chance sehen, die sich dadurch ergibt. China läuft Gefahr, mit seinem extremen Wachstum die internationale Wirtschaft stark zu beeinflussen. Es ist zu einem gefährlichen Konkurrenten geworden und Konkurrenten werden schnell zu Feinden. Um diesem vorzubeugen, ist der Dialog gefragt. Der Dialog zwischen China und Europa. Der Dialog zwischen China und Amerika. Der Dialog zwischen Ost und West. Ob es da sinnvoll war, dass Deutschland aus moralischer Konsequenz keinen einzigen Vertreter nach Peking geschickt und auch sonst China in jeder erdenklichen Weise vor den Kopf gestoßen hat, ist eher fraglich.

 

Doch eins ist klar, die Sommerspiele haben genau das verkörpert, was auf uns zukommen wird. Ein Auseinandersetzen mit dem Reich der Mitte und dessen Politik, Wirtschaft und Einstellung. Dass es nicht einfach wird, beweist wohl die momentane, unveränderte Lage Tibets…

 

Roland Richtstein