Die Medien und der Amoklauf

Eine Aufarbeitung der Reaktion auf den Amoklauf von Winnenden (11.3.2009)

Nun ist es schon wieder passiert

 

Ein Amoklauf. Nach Erfurt und Emsdetten nun Winnenden. Die grausame Bilanz: 16 Tote.

Die Tat an sich ist grausam. Die vielen Morde unfassbar. Die Gewalt und der Terror, schrecklich.

Doch trotz aller Schrecklichkeiten ist es erstaunlich, wie die Reaktion auf diesen Amoklauf und Amokläufe im Allgemeinen ausfällt. Denn trotz unterschiedlicher Orte, Täter und Opferzahlen erfolgt die Reaktion immer gleich.

Bevor noch die Polizei vor Ort ist, scheinen die Reporter und Journalisten schon da zu sein. Stündlich, minütlich wird über die gefährliche Entwicklung berichtet. Das Radio spielt anstatt sich ständig wiederholender Popsongs, sich ständig wiederholende Interviews und Kommentare, ohne dass sich etwas am Informationsgehalt ändert. Alle Informationen bleiben auch nach dem zehnten Beitrag vage. Das hindert die Redakteure aber scheinbar nicht daran, so weiterzumachen.

 

Auch im Internet kann man nur ein paar Stunden nach dem „Beginn“ des Amoklaufes, Chroniken und unzählige Beiträge zum möglichen Ablauf des Amoklaufes finden. Wo hat der Attentäter welches und vor allem wie viele Opfer erschossen? Wie ist die Polizei vorgegangen? Wie schrecklich war der Anblick?

Wer vom Medienrummel bis dahin noch nichts mitbekommen hat, wird spätesten vom Fernsehen aufgeklärt. Schaltet man durch das Programm wird man wohl immer mindestens zwei Sender finden, die über die neusten alten Erkenntnisse des Verbrechens berichten. Egal ob privater oder öffentlicher Sender, das Medieninteresse ist gewaltig. Natürlich gibt es schon die politischen Diskussionen, natürlich die ständige Korrespondenz mit Reportern vor Ort, natürlich große Anteilnahme des Bundespräsidenten, der Bundeskanzlerin und zahlreicher andere Politiker sowie die ersten Mitschüler und Augenzeugen bei Stern TV.

Und das alles innerhalb der ersten beiden Tage. Dann folgt die Auswertung.

Killerspiele, Pornobilder, Vorabkündigung im Internet, schärfere Waffengesetze. In einem medialen Kleinkrieg wird erörtert, gefachsimpelt und kommentiert. Jeder hat etwas zum Thema zu sagen, auch wenn nichts dabei herauskommt. Dies ist keinesfalls eine überraschende Entwicklung. Auch nach Emsdetten verlief die öffentliche Aufmerksamkeit so. Und genauso schnell verschwand sie auch wieder. So ist es nahe liegend, dass schon zwei Wochen später, das Ereignis kaum mehr thematisiert wird. Politische Konsequenzen werden wahrscheinlich auch diesmal wieder unkonkret oder gar ausbleiben.

Doch bis dahin steht uns noch eine Atomsphäre der Angst, des Mitgefühls und des Schocks bevor. Denn auch wenn kaum jemand Verwandte oder Bekannte in Winnenden hat, ist eine intensive Form der Betroffenheit Pflicht. Kritik an der Darstellung und möglicher Folgen dürfen nicht geäußert werden, sprechen sie doch für die innere Kälte des Kritikers.

 

So findet man auch am MPG am Tag nach dem Amoklauf viele Hinweise dafür, dass ein 130km entferntes Blutbad erwähnenswert sei. Sehr erwähnenswert. So erwähnenswert, dass den Schülern sogar die Möglichkeit gegeben wird, sich mit den Lehrern und dem Rest der Klasse auszutauschen. Dass dadurch in manchen Klassen der Mittelstufe bis zu sechs Stunden „ausfallen“, ist wohl ein notwendiges Übel und macht die ertragsreiche Diskussion mit anderen, ebenso gut informierten Personen, wie man selbst, wieder wett.

 

Ergänzt wird die Stimmung noch durch einen Psalmspruch aus der Bibel am Schwarzen Brett sowie eine Beschriftung aneinandergereihter Autos mit einem Gedenkspruch zugunsten der Opfer des Amoklaufes. Auch die Flagge weht ordnungsgemäß, wie von Innenminister Schäuble angeordnet, in der Großen Pause auf Halbmast.

 

Somit hat auch unsere Schule einen entscheidenden Beitrag zur nationalen Solidarisierung und Anteilnahme mit den Opfern des Amoklaufes geleistet.

 

Einer Solidarisierung, die nicht ganz zu Unrecht von vielen als scheinheilig bewertet wird. Denn muss man sich nicht fragen, warum man nicht ständig eine Flagge auf Halbmast hängt, wo doch genug Dritteweltkinder am Tag sterben. Wo ist der entscheidende Unterschied? Die Willkür, mit der die Opfer gestorben sind? Oder sind deutsche Schüler, Lehrer, Passanten und Autohausangestellte einfach mehr wert?

Natürlich ist dem nicht so und es ist auch verständlich, dass Morde im eigenen, vermeintlich sicheren, Land, an einer Institution, an der Schüler viele Stunden des Tages verbringen, einem emotional näher gehen, als ein Mord in Südamerika. Doch auch in Deutschland können viele Kilometer zwischen dem Tatort und dem eigenen Stantort liegen. Tatsächlich ist die allgemeine Anteilnahme mehr eigene Gewissensberuhigung und Kompensierung eigener Schuld. Denn wie viel kämpft jeder einzelne gegen Mobbing und andere Formen von Ausgrenzung, wenn mal kein Amoklauf ist?

Die Antwort ist wohl ernüchternd und an diesem Punkt werden wohl viele betreten zu Boden schauen. Kritisiert werden kann das nicht immer, fehlt doch manchmal die Zeit, die Mittel und der persönliche Bezug, um sich mit einem solchen Thema auseinanderzusetzen. Doch sollte man deshalb nicht ins gegenteilige Extrem verfallen und in der Phase nach einem Amoklauf das Aufgebot der Medien um jeden Preis unterstützen.

Denn nicht nur, dass die Hauptbeweggründe der Medien Profit sind, eine übersteigerte Berichterstattung  kann auch merkliche Konsequenzen haben.

Der wohl durchsichtigste und bisher klarste Aspekt des Motivs für einen Amoklauf ist nämlich, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Jeder soll, empört vom Tabubruch, richtig entsetzt sein. Dieses gelingt durch die momentane Ereignissaufarbeitung sehr gut und nicht umsonst werden im Internet die Täter oft als Märtyrer gefeiert. Es ist also fraglich, ob man den Tätern oder denen, die mit einem Amoklauf liebäugeln, wirklich durch ein emotional aufgeladenes Medieninteresse helfen soll, das zu bekommen, was sie wollen.

Dies soll keinesfalls heißen, dass der Opfern nicht gedacht werden soll oder das Thema totgeschwiegen wird. Vielmehr sollte faktisch aufgeklärt, sinnvoll diskutiert und ehrlich Anteil genommen werden. Wer sich wirklich mit den Opfern solidarisieren möchte, fährt nach Winnenden oder schreibt den Verwandten oder Augenzeugen Briefe und organisiert nicht ein kilometerlanges Lichtermeer, nur um die örtlichen Nachrichtenagenturen auf den Plan zu rufen. Wie auch in der Kunst ist deshalb weniger mehr und sollte dem „groß und -erschüttert von einem so tragischen Ereignis-“ Image vorgezogen werden.

 

Doch vor allem sollte man, auch noch Monate nach dem Amoklauf, nachdenklich gestimmt sein und das Wort Zivilcourage, wenn jemand wieder mal ausgegrenzt wird, nicht schon wieder vergessen haben. Dabei sind nicht nur Schüler und Lehrer, sondern auch die Politiker gefordert.

 


Roland Richtstein