Zug der Erinnerung

Exkursion des Geschichtsleistungskurses am 16.3.2009

Ich möchte leben

Ich möchte lachen und Lasten heben

und möchte kämpfen, lieben und hassen

und möchte den Himmel mit den Händen fassen

und möchte frei sein und atmen und schrein.

Ich will nicht sterben, Nein...

 

            "Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu schreiben..."

            - Selma Meerbaum Eisinger

              geb. 1924, gestorben mit 16 Jahren

 

 

Strahlender Sonnenschein, nur leicht bedeckter Himmel.

Ein schöner Frühlingstag, wie er im Buche steht. Doch bildet dieses Bild den genauen Kontrast zu dem, was wir gleich erleben werden. Wir, der Geschichtsleistungskurs, stehen auf Gleis sieben des Ludwigshafener Hauptbahnhofs. Zwanzig Minuten Fußmarsch haben wir hinter uns und schauen jetzt gespannt auf den Zug, welcher der Grund unseres Besuches ist.

"Der Zug der Erinnerung" wie es in der Zeitung gestanden hat. Alte Zugwaggons aus den vierziger Jahren, Bilder von unbekannten Personen in den Fenstern des Zugwagons und eine dampfende, Lokomotive. Jeder Retro-Hobbytechniker wäre vor Freude entzückt gewesen, doch das Wissen was die kohlenbeladene Lokomotive befördert hat, lässt keine Freude aufkommen. Ganz und gar nicht. Denn die Ausstellung "Zug der Erinnerung" soll die Deportation der Juden zur Zeit des Nationalsozialismus historisch aufarbeiten und der Opfer gedenken. Die Ausstellung findet eben in jenem Zug statt, der die Gräueltaten der Nazis vor fast 60 Jahren mit möglich machte. Was viele als zynisch bezeichnen würden, ist in Wirklichkeit eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der den Ereignissen der Vergangenheit.

Denn schon beim Eintreten erhascht man eine Ahnung, wie es den Opfern ergangen sein muss. Die Gänge sind eng, die Luft stickig, die Fenster zugeklebt, es gibt keine Sitzmöglichkeiten. Die einzige Raumunterteilung sind die Seitenwände der früheren Abteile, genauso abgenutzt und verkratzt wie der Rest der des Waggons. Die Notbremse ist natürlich schon vor langer Zeit abmontiert worden. Im Kontrast dazu die helle Beleuchtung, welche die Informationstafeln beleuchten.

Informationen, Zahlen, Daten.

Alles Fakten, die erst mit den ebenfalls abgebildeten Bildern eine wirkliche Bedeutung haben. Portraits von Juden, Roma und Sinti, Oppositionellen, Kindern oder einfach Andersdenkenden. Diese Gesichter stehen stellvertretend für Millionen von Menschen. Menschen aus ganz Europa. Eine Karte verdeutlicht, wer alles von wo deportiert wurde. Die roten Pfeile sind fast so lang wie ein Arm und sie zeigen alle auf den gleichen Punkt in Polen.

Grenznachbarn wie Frankreich und Österreich, aber auch die Namen von Orten wie Athen, Andorra oder Tallinn sind zu lesen. Aus allen Himmelsrichtungen traten Menschen ihre letzte Reise in Zügen wie diesen an, in dem wir gerade stehen. Die Fakten sind aufs Wesentliche konzentriert, die Wirkung ist dadurch umso erschreckender. Menschen, die aufgrund von scheinheiligen Argumenten aus ihrer Heimat gerissen worden, direkt in den Tod. Endstation Auschwitz.

Die Züge selbst waren vollgestopft, bis zur vierzig Personen mussten in den stickigen Waggons ausharren. Von außen war nur die Zugkennzeichnung zu sehen. "Da" für "David" als Anspielung auf die jüdischen Passagiere.

 

Untermalt wird die damalige Verzweiflung der Menschen mit Zitaten. So schrieb die damals sechzehnjährige Selma Meerbaum Eisinger ein Gedicht, welches ihre Gefühle, ihre Wünsche und den Ungerechtigkeit der Situation verdeutlicht. Fertigstellen konnte sie ihr Gedicht nie. Auch Briefwechsel zwischen Liebespaaren, Geburtsurkunden polnischer Waisen oder amtliche Zeugnisse dokumentieren den Verlauf der einzelnen Schicksale. Das Ende ist jedoch fast immer gleich.

 

Hat man sich das letzte Bild angeschaut, erwartet einen ein zweiter Waggon. Man schreitet über die klappernden Metallplatten, welche die beiden Waggons verbinden und ist überrascht. Der zweite Wagon ist anders. Konnte man sich beim ersten Waggon noch vorstellen, mit ein bisschen Licht, Farbe und Sitzmöglichkeiten, doch eine Reise mit diesem Zug anzutreten, so ist das bei dem zweiten Wagon undenkbar. Er ist breiter, die Wände aus Metall. Der Boden besteht aus Holz und scheint original zu sein. Kratzer und Andeutung von Flecken sind zu sehen. Alles in allem ein typischer Industrie- Waggon. Das auch hier Menschen aneinandergedrängt und verängstigt gesessen haben, ist wahrscheinlich. Doch trotz oder gerade weil man sich hier noch viel besser in die damalige Lage hineinversetzen kann, werden die Opfer nicht direkt gezeigt. Thema sind die Personen, die verantwortlich waren für die Deportation und auch die Rolle der Deutschen Bahn wird näher erläutert. Ein Beamer spielt einen Kurzfilm ab. Der Ton ist gut zu hören, das helle Licht der Infotafeln erschwert jedoch die Sicht. Nationalsozialisten wie der damalige Reichsverkehrsminister Dorpmüller stellten die Transportkapazitäten für die Deportation, mithilfe der Bahn zur Verfügung. Auch andere Verantwortliche werden vorgestellt. Das erschreckende Fazit: Nur wenige Verantwortliche wurden auch wirklich zur Rechenschaft gezogen. Dorpmüller wurde aufgrund seiner Verdienste in der Nachkriegszeit und seinem Organisationstalent auch noch Jahrzehnte später geehrt, sodass sogar bis 1991 die Hamburger Bahndirektion für dessen Grabpflege finanziell aufkam.

Da fällt Franz Novak, der bei der Bundesbahn, im Auftrag der SS, die Deportationszüge geordert hat, fast schon aus dem Konzept. Aufgrund seiner "europäischen Gesamtkoordination", sprich der Organisation der Deportation, wurde er immerhin 1971 unter der Anklage des Massenmordes, mit sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Auch die Rolle der Deutschen Bahn wird kritisch dokumentiert. So stellte sie Kapazitäten zur Verfügung, welche die Deportation in diesem Maße erst möglich machten.

Ein weiterer Film, von der Deutschen Bahn selbst produziert, erwähnt diese Umstände nicht. Die Deutsche Bahn sei demnach Kriegsopfer wie alle anderen. Fakten zur Beihilfe am Holocaust, werden ausgelassen. Der Film wurde anlässlich des Jubiläums der Deutschen Bahn produziert, sodass diese Leugnung keinesfalls eine ängstliche Reaktion in der Nachkriegszeit war, sondern bis zur Jahrhundertwende gängige Praxis war. Die Art, wie die Deutsche Bahn ihre Vergangenheit aufarbeitet, spiegelt sich auch in einem weiteren Punkt wieder. Bis 1985 hatte die Deutsche Bahn keinen Zugang zu den eigenen Archiven gestattet oder anderweitig eigene Informationen zu diesem Thema an die Außenwelt abgegeben.

Der letzte Teil des zweiten Waggons ist den Überlebenden gewidmet. Getrübt von all den Grausamkeiten, die den einzelnen Menschen widerfahren sind, wirkt dieser Teil wie ein Lichtblick. Auch wenn nur ein sehr geringer Prozentsatz überlebt hat, es haben Menschen überlebt! Neben Glück war eine weitere, sehr wichtige Voraussetzung das Engagement und die Zivilcourage anderer Menschen, die den Opfern geholfen, sie versteckt oder gedeckt haben. Aber auch Aufstände und kleine Revolten gegen das Unrecht gab es. Auch wenn viele dem Wahn der Herrschaft der Nationalsozialisten gefolgt sind, manche sind es eben nicht und eben diesen Menschen gehört heute unser Lob. Auch wir sollten uns daran ein Beispiel nehmen und die Zivilcourage wieder zu einer unserer Tugenden machen. Denn rechtsradikale Gewalt hat bis heute überlebt.

 

Die Ausstellung endet nun. Auf ein paar Tischen liegt Infomaterial und ein Buch aus, in das die Besucher Anregungen und Rückmeldungen schreiben können. Das Buch ist schon zur Hälfte beschrieben, Schulklassen die ihre Betroffenheit schildern, aber auch Einzelpersonen, die sogar persönliche Erlebnisse  niedergeschrieben haben. Es scheinen schon viele Besucher da gewesen zu sein. Eine erfreuliche Vorstellung.

Neben Plakaten mit Verweisen auf andere Projekte dieser Art (erwähnt sei hier das "Stolpersteine"-Projekt) fällt vor allem die rote Spendendose ins Auge. Weniger wegen der auffälligen Farbe, als vielmehr wegen des angebrachten Schildes. Darauf heißt es, dass sich diese private Initiative durch Spenden am Leben erhalte, da die Deutsche Bahn weiterhin mehrere zehntausend Euro für die Nutzung der Gleise und Bahnsteige verlangen würde. Einem Nachlass wurde vom Vorstand der Deutschen Bahn nicht stattgegeben. Auch das Berliner Verkehrsministerium wollte keine finanzielle Unterstützung für das Projekt leisten. Eine Information, die, zumindest viele aus unserem Kurs, erschreckt hat, wo doch sonst in der Öffentlichkeit immer betont wird, dass man dieses Thema nicht vergessen darf.

Das eine solche Initiative nicht angemessen gefördert wird, zeugt von einer gewissen Scheinheiligkeit der entsprechenden Institutionen und zeigt, wie ernst es mit solchen Aussagen wirklich gemeint ist.

Nach knapp einer Stunde verlassen wir den Zug. Die Sonne scheint immer noch, mittlerweile sind ein paar Wolken zu sehen. Die Luft erscheint ungewohnt frisch, was nach einer Stunde in stickigen Zugwaggons  nicht verwunderlich ist. Wie müssen sich da erst die Opfer nach tagelanger Fahrt gefühlt haben? Die Frage bleibt unbeantwortet, aber wohl jeder aus unserem Kurs kann sich das jetzt viel besser vorstellen, als noch vor einer Stunde.

 

 

Roland Richtstein