
Stalin - die Schauprozesse, die große Säuberung und der große Terror
von Luca Klein
Die Schauprozesse/Moskauer Prozesse und die große Säuberung
Im Jahr 1934 wird der Leningrader Parteisekretär Sergei Mironowitsch Kirow von dem vorher aus der Partei entlassenen Leonid Nikolajew erschossen. Der Mord an Kirow, einem engen Freund Stalins und ebenfalls wichtigem Parteifunktionär , der mit der Verwaltung Leningrads und vor allem damit Sinowew und Kamenew zu überwachen beauftragt war und der ebenso großen Anteil an der Zerschlagung der Akademie der Wissenschaften hatte, gilt als Auftakt der groß inszenierten Schauprozesse und der „großen Säuberung“
Es gibt eine große Menge an Verschwörungstheorien, denen zu Folge Stalin selbst den Mord an Kirow in Auftrag gegeben hatte, die auch damals schon unter dem Volk kursierten „Gurken sind grün, Tomaten sind rot, Stalin auf einem Gang den Kirow schoss tot “
- Volksreim von 1934,
doch ließen sich diese ähnlich wie die Theorien zur Ermordung JFK’s nie beweisen. Wahrscheinlicher ist es, dass Nikolajew tatsächlich einfach nur ein verwirrter und frustriert Einzeltäter war.
Stalin reiste sofort, nachdem ihn die Nachricht des Mordes erreichte, nach Leningrad und verhörte Nikolajew persönlich.
Sofort nach seiner Rückkehr nach Moskau führte er ein neues Gesetz gegen Terroristen ein, das unter anderem beinhaltete,dass der Fall in weniger als 10 Tagen beendet sein müsste und die Todesstrafe unmittelbar nach der Urteilsverkündung zu vollstrecken sei.
Kurze Zeit vor dem Mordanschlag gab es ebenfalls einen Anschlag und einen Putschversuch gegen das Regime und so beauftragte Stalin Genrich Jagoda damit, eine groß angelegte Verschwörung zu inszenieren, der zu Folge Emigranten und Ausländer Sabotageakte gegen die Sowjetunion verüben wollten, um diese zu zerstören. Zusätzlich wollte er auch, dass zwei seiner alten politischen Rivalen (Sinowjew und Kamenew, beide Weggefährten Lenins) ebenfalls in die Verschwörung gegen die Sowjetregierung (also Stalin) verwickelt waren.
Damit ging Stalin auch erstmals gegen den inneren Kreis der Partei und gegen Weggefährten Lenins vor, was bis da hin als Tabu gegolten hatte- doch Stalin hörte nicht auf, sondern nutzte den Vorwand um gegen alle Bolschewiki vorzugehen, die in politischer Opposition zu ihm standen
Genrich Jagoda wurde in seiner Funktion als OGPU-Chef damit beauftragt, die Schauprozesse gegen Kamenew und Sinowjew zu inszenieren. Offenbar teilte er Stalins paranoide Vorstellung, dass große Teile der Partei von „Verrätern und Saboteuren“ durchzogen war, nicht und verfolgte seinen Auftrag so nur sehr halbherzig, was in einem aufgesetzt und unglaubwürdig endenden Prozess mündete, was schließlich auch dafür sorgte, dass Jagoda in Ungnade fiel.
Er wurde schließlich seines Amtes enthoben, später verhaftet, brutal gefoltert, bi er alles gestand, was man von ihm hören wollte und im dritten Moskauer Schauprozess zum Tode verurteilt.
Schauprozesse:
1. Prozess gegen das trotzkistische-sinowjewistische terroristische Zentrum; Prozess der 16: 19.-24.08.1936 gegen Lew Borissowitsch Kamenew, Grigori Jewsejewitsch Sinowjew und 14 andere Funktionäre;
2. Prozess gegen das sowietfeindliche trotzkistische Zentrum; Prozess der 17: vom 23.- 30.01.1937 gegen J. L. Pjatakow, Karl Radek, Grigori Jakowlewitsch Sokolnikow, Leonid Petrowitsch Serebrjakow und 13 weitere Funktionäre;
Gegen die Prozesse wurde nicht protestiert, im europäischen Ausland wurden diejenigen die es doch taten zum Schweigen gebracht, um den „gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus“ nicht zu gefährden.
3. Prozess gegen den Block der Rechten und Trotzkisten; Prozess der 21: vom 2. -13.03.1938 gegen Alexei Iwanowitsch Rykow, Nikolai Iwanowitsch Bucharin, Genrich Grigorjewitsch Jagoda, Nikolai Krestinski, Christian Georgijewitsch Rakowski und 16 andere Funktionäre;
4. Prozess (nicht öffentlich): im Juli 1937 gegen den Marschall der Roten Armee Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski und gegen 11 andere hohe Offiziere, was die Rote Armee damit faktisch enthauptete. Dies sollte sich nach dem deutschen Angriff 1941 als fatal herausstellen.
Von 1936-1938 war der Chefankläger Andrei Januarjewitsch Wyschinski, später wurde er von Nikolai Wassiljewitsch Krylenko verdrängt. Zuerst wurden von der Sowjetführung Komplotte und Verschwörungen erdacht und inszeniert, dann wurden politische Rivalen Stalins beschuldigt, an diesen erdachten Verbrechen beteiligt gewesen zu sein, die immer etwas damit zu tun hatten, dass angebliche ausländische feindliche Mächte, der Kapitalismus und Leo Trotzki versuchten, die UdSSR von innen her durch Agenten, Spione und Saboteure zu schädigen.
Den Angeklagten wurden dann mit brutalsten Mitteln erfundene Geständnisse abgefoltert, weitere Beweise wurden gar nicht oder kaum vorgelegt. Obwohl die Geständnisse teilweise sogar grobe logische Fehler enthielten (so gestand einer der Beschuldigten z.B. mit einem Flugzeug nach Oslo geflogen zu sein wo er sich Leo Trotzki getroffen hätte, während die norwegische Regierung beweisen konnte, dass in dieser Zeit nicht einmal irgendeine ausländische Maschine in der Stadt gelandet war, ein anderer Beschuldigter gestand ein Treffen in einem Hotel, das seit 15 Jahren abgerissen war), endeten die Prozesse mit 50 Todesurteilen, die übrigen 16 Angeklagten wurden mit Freiheitsstrafen bestraft. Meist wurden die ganze Familie und der Bekanntenkreis der Angeklagten mit hingerichtet oder nach Sibirien deportiert, wo sie in „Straflagern“ Zwangsarbeit (meist bis zum Tod) verrichten mussten. Im Zuge des dritten Prozesses wurde Jagoda schließlich verhaftet und gefoltert, bis er gestand, einen Putschversuch mit Hilfe des Militärs und der Kremlgarde geplant zu haben, so wie mit Hilfe eines NKWD-Arztes so gut wie alle prominenten Personen, die in den vergangenen 4 Jahren gestorben waren, vergiftet zu haben. In Folge dessen wurden verschiedene Aktionen gegen die Rote Armee eingeleitet. (4. Prozess, verlief allerdings geheim)
Der große Terror
Die „Säuberungen“ blieben aber nicht auf die Partei beschränkt und dehnten sich schon sehr bald auf den NKWD aus.
Zuerst wurden systematisch Nicht-Russen aus den Ämtern entfernt, die Verfolgung erschöpfte sich hier nicht an den Angehörigen einzelner ethnischer Gruppen, sondern betraf alle jene, deren Herkunftsland Kommunisten nicht offiziell schützte, des Weiteren wurden viele einfache Mitarbeiter versetzt oder entlassen, während nur hochrangige Mitglieder erschossen wurden. Dies hatte zur Folge, dass viele ältere Beamte in höheren Dienstgraden eliminiert oder deportiert wurden, sodass es am Ende nicht mehr ausreichte, nur jüngere zu befördern- es wurden auch neue Beamte in den Waisenhäusern rekrutiert. (Das Durchschnittsalter eines hohen Beamten sank von 42 auf 35 Jahre)
Doch auch im NKWD machte der Terror nicht halt und so mussten auch außerhalb der Organisation Letten, Polen, Deutsche und andere Nicht-Slawen Verfolgungen im selben Maße ertragen.1937 fand der Terror dann endgültig in die Städte.
Jeshow verfasste zu erfüllende Quoten an Verhaftungen, die allerdings auch überschritten werden durften. Wer verhaftet wurde ,war uninteressant- wichtig war es nur, die Quoten zu erfüllen, da man sonst selbst in Ungnade fallen würde.Auch die bisher höllischen Verhältnisse in den GULAGS änderten sich noch zum Schlechteren, viele Lageraufseher waren im Zuge der NKWD-Säuberung gefangen worden und durch häufig inkompetente und verängstigte Leute ersetzt.Die von Jeshow instruierten Massenverhaftungen sorgten allerdings dafür, dass der Ausdehnung des Lagersystems eine Grenze gesetzt wurde: der arktische Perma-Frost-Boden und die damit verbundenen „Organisationsprobleme“.Im Dezember 38 überschritt die „Bevölkerungszahl“ der Lager erstmals die Millionenmarke, in Folge dessen schoss auch die Todesrate in den überfüllten Lagern, in denen jede Spur von Ordnung verschwunden war, in die Höhe. (90 000 im Jahre 1938).
Die Insassen starben häufig an Krankheiten wie Typhus oder Ruhr.
Stalin und sein Henker Jeshow fanden daher eine grausame Methode die Gefangenenzahlen einzudämmen.Der Anteil der als „politische Feinde“ gefangen Genommenen, die zum Tode und nicht zur Zwangsarbeit verurteilt wurde, wurde kurzerhand von 0,5% auf 47% erhöht.
Wie aus den Akten des Leningrader NKWD - Büros hervorgeht, wurden 1937/38 1.444.923 Menschen schuldig befunden so genannte „konterrevolutionäre“, das heißt gegen die Werte der Oktoberrevolution gerichtete Verbrechen begangen zu haben, von ihnen wurden 681.692 erschossen - beinahe die Hälfte. Es muss allerdings absolut unmöglich gewesen sein, dass all diesen Menschen der Prozess gemacht wurde- und sei es nur ein Schauprozess gewesen. Gefangene konnten einfach erschossen werden. (der Durchschnitt in Leningrad betrug etwa 200 pro Nacht)
Die oben genannte Verhaftungsquote, die für 4 Monate festgelegt worden war, betrug für Leningrad seit Juli 1937 4000 Erschießungen und 10 000 „neue Lagerinsassen“.
Wobei sich auch hier die Verhaftungen nicht gleichmäßig durch alle Bevölkerungsschichten zogen, sondern alleine 12% Akademiker waren- eine Gruppe , die in der Bevölkerung Leningrads relativ schwach vertreten war, 40% waren Nicht-Russen (sie machten nur 18% der Gesamtbevölkerung aus).
Aber auch nach dem Ende des eigentlichen „großen Terrors“ überlebten seine Praktiken innerhalb der Roten Armee in Form der NKWD-Kommandos und ihrer drakonischen Strafmaßnahmen „zur Aufrechterhaltung der Motal“.