Eine Woche im Umgang mit Behinderten

Keiner ist ganz stark, keiner ist ganz schwach

 

Diese Worte las ich während meines einwöchigen Schulpraktikums in den Ludwigshafener Werkstätten mehrmals täglich, oft begegneten sie mir irgendwo im Haus und fielen mir ins Auge. Ziemlich idealistisch, dachte ich mir zu Beginn, aber gegen Ende des Praktikums begriff ich, dass der Verfasser dieser weisen Worte kein Idealist oder Träumer, sondern ein Realist, jemand, der seine Mitmenschen genau beobachtet hat, gewesen sein musste.

Ganz schön mulmig war mir, als ich mich am ersten Tag in den Werkstätten einfand und noch mulmiger wurde mir, als ich zu der Abteilung, in der ich nun für eine Woche hospitieren sollte, geführt wurde. Ich hatte zuvor nie etwas mit Behinderten oder, wie es richtig heißt, Menschen mit Behinderung, zu tun gehabt, dieser erste Tag glich mir förmlich einem Sprung ins kalte Wasser. Was wäre, wenn ich nicht auf sie zugehen könnte, sie mich nicht akzeptieren würden? Gleich zu Beginn des Tages zeigte sich, dass diese meine Fragen vollkommen unbegründet waren. Als ich mich mit einem etwas unguten Gefühl zwischen die Mannschaft meiner Abteilung setzte, einer der Behinderten hatte so freundlich auf den Stuhl neben sich gezeigt, begann mein Nachbar, stark sabbernd, mir den Kopf zu streicheln und sich an meine Schulter zu lehnen. Huh, war das unangenehm, aber glücklicherweise griff schnell einer der Betreuer ermahnend ein. Nachdem also der erste Sprung ins kalte Wasser getan war, musste ich, um nicht unterzugehen, anfangen zu schwimmen. Ich ließ mir nach dem Gruppengespräch die Arbeit erklären und begann, mit ihnen zu schaffen. Bald, ich musste kaum etwas selber dazu beitragen, ergab sich ein Gespräch zwischen mir und meinem Gegenüber. Er hatte beim Gruppengespräch, wo auch ich mich vorgestellt hatte, erfahren, dass ich in meiner Freizeit Handball spiele und wollte nun alles über mein Training und über unsere Spiele wissen. Wow, dachte ich mir, er soll neben seiner körperlichen Behinderung auch geistig behindert sein? Er kann sich besser ausdrücken, als manch anderer aus meinem Stadtteil! Das gemeinsame Arbeiten erwies sich schon früh als erstaunlich harmonisch. Oft, sei es in der Schule, in der Freizeit oder im Verein, gibt es, wenn man mit anderen zusammenarbeitet, Querelen, manche haben schlechte Laune, leiden an Lustlosigkeit, sind zickig. In meiner Abteilung jedoch herrschte nahezu ungewohnter Friede. Jeder schien gute Laune gehabt zu haben, jeder schien in seiner Arbeit ganz und gar aufzugehen, jeder half seinem Nächsten, sei’s beim Beschaffen von neuem Material oder beim Holen des „Wagens“, einer Art großem Rolllator. Bereits am zweiten Tag, wir waren auf einem Ausflug im Rathaus-Center gewesen, hingen schon zwei meiner Kameraden an mir, einer ging den ganzen Rückweg freudestrahlend an meinem Arm, der andere machte sich einen ungemeinen Spaß daraus, mich von hinten ab und an richtig durchzukitzeln. In den nächsten Tagen musste ich dann in meiner Abteilung schon wahre Multi-Tasking-Fähigkeiten unter Beweis stellen! Ich war bei der momentanen Arbeit, sprich, Schrauben zu je 20 Stück in eine kleine Tüte zu verpacken und musste mich eigentlich konzentrieren, da ich mich sehr schnell verzählte und mir oft die Schrauben aus der Hand rutschten. An meiner Rechten klebte förmlich einer der Freunde, der keine große Lust zu arbeiten gehabt zu haben schien, dem ich aber beim Zählen helfen sollte und aufpassen musste, dass er nicht seine und meine Kleidung vollends vollsabberte. Zu meiner Linken wollte ein anderer, der starke Sprachprobleme hat und nur sehr schwer zu verstehen ist, mir etwas erzählen und mein Gegenüber, der das Gefühl hatte, sich bei den Schrauben verzählt zu haben, bat mich, seine Schrauben doch zur Sicherheit noch einmal nachzuzählen, während, im Hintergrund sozusagen, lauthals eine CD lief und einer der Betreuer an der letzten Kontrolle, der Zählwaage, die Lieder begeistert mitsang. Schon sehr bald also war ich voll in das Team integriert, sie hatten mich akzeptiert, viel eher, als ich sie akzeptiert hatte. Jedoch zeigten nicht nur die Kumpels in meiner Abteilung Interesse an mir, sondern und gerade auch die anderen Werkstattbeschäftigten, die ich auf meinem Rundgang durch die verschiedenen Bereiche oder in den Pausen auf den Gängen traf. In einer Gruppe beispielsweise traf ich auf einen Mann, der morgens mit demselben Bus zur Werkstatt fuhr wie ich. Begeistert drehte er sich, als er mich sah, zu seinen Kollegen um und flüsterte: „Die kenne ich vom Bus!“ und fügte, als ich, da ich seine Worte gehört hatte, ihm zugelacht hatte, noch ein „Und, schau‘ mal, sie kennt mich!!“ dazu. Seitdem strahlte er, ein erwachsener Mann, mich immer voller Freude morgens im Bus an, sobald er mich erkannte. Ich kann nicht sagen, wie vielen ich meinen Namen und die Länge meines Praktikums in dieser einen Woche habe sagen dürfen! Das Tolle aber war, dass sie sich stets an mich erinnert haben, wenn wir uns irgendwo im Haus über den Weg liefen. Nach Feierabend fuhren wir gemeinsam zurück, am Morgen trafen wir uns an der Bushaltestelle und fuhren gemeinsam zur Werkstatt. Auf diesem Wege wurde ich zu einer irgendwann stattfindenden Hochzeit einer Werkstattbeschäftigten eingeladen oder erfuhr alles über Tanzkurse, Schreib- und Leseunterricht bei der Volkshochschule, Beziehungen und Freundschaften oder die eigenen Haustiere.

Keiner ist ganz stark, keiner ist ganz schwach – auch ich durfte es erfahren. Menschen mit Behinderung können meistens nur sehr schlecht schreiben oder mit Zahlen über 20 rechnen, sie können teilweise schwer sprechen oder sitzen im Rollstuhl. Bei vielem können wir ihnen helfen, sie fördern, unterstützen, Arbeit geben, wir, die „Gesunden“, die „Starken“. Doch sie die Behinderten, können sie uns nicht mindestens genauso viel geben, uns lehren? Können wir nicht das von ihnen lernen, was wir vor lauter Intelligenz und Stärke verlernt haben? Können sie uns nicht lehren anderen zu vertrauen, auf Fremde ohne Vorurteile zuzugehen, andere als die zu akzeptieren, die sie eben sind ohne zu lästern oder sie erziehen, ändern zu wollen? Können sie uns nicht lehren, mit Freude dem Tag und seinen Mitmenschen zu begegnen, über die kleinen, unscheinbaren aber doch so unendlich wichtigen Dinge im Leben zu lachen und sich noch lange daran zu freuen? Können sie uns nicht lehren, keinen Unterschied zwischen Arm und Reich zu machen oder einfach seinem Gegenüber das Gefühl zu vermitteln, er sei einem wichtig, zu lächeln oder sich nach dessen momentanen Befinden zu erkundigen? Können sie uns nicht lehren, sorgenfreier zu leben, anderen zu helfen, seinen Gefühlen spontan, vielleicht mit einer Umarmung, Ausdruck zu verleihen?

In dieser Woche durfte ich sehr viel lernen, viele Erfahrungen sammeln, viel mehr, als ich mir zu machen erträumt hatte. Mein Leben wird sich, äußerlich gesehen, nicht ändern, am Montag beginnt wieder die Schule, der Alltag kehrt mit aller Kraft zurück, aber ich glaube, dass sich durch dieses Praktikum, durch den Umgang mit den Behinderten, schon etwas in meinem Leben, meiner Sicht auf andere, geändert hat…

 

Natalie Jahn

 

Ludwigshafen, 24.4.2009