"Todesfuge"
Interpretation von Tatjana Geib
Paul Celans berühmtestes Werk "Todesfuge" entstand höchstwahrscheinlich
Ende des Zweiten Weltkrieges und spiegelt die grausame Situation, welche zu
dieser Zeit in Konzentrationslagern herrschte, wider.
Er versuchte, mithilfe weniger Einzelbllder , die er geschickt aneinanderreihte
und welche er immer wiederholte, alles noch mehr zu verdeutlichen. Fest jedes
seiner Worte war durchdacht und hatte mehrere Bedeutungen.
Dies fängt es schon mit der Überschrift" Todesfuge" an, welche dem Leser einige
Informationen zur Vorstellung, was sie im folgenden Gedicht erwartet, gibt.
Das Wort"Todesfuge" kann in zwei Teile unterteilt werden. Die eine Seite wäre
der Tod, um den es in diesem Gedicht zweifellos geht. Der andere Wortteil, die
Fuge, besitzt mehrere Interpretationsmöglichkeiten. Er könnte einerseits vom
lateinischen Wort "fuga" stammen und somit Flucht bedeuten, also die Flucht vor
dem Tod oder sogar in den Tod. Andererseits findet man Fuge auch im Bereich
der Musik vor. Eine nach strengen Regeln aufgebaute musikalische Kunstform
wird darunter verstanden, bei der ein Thema nacheinander durch alle Stimmen
geführt wird.
Beide Möglichkeiten machen Sinn, was im Folgenden festgestellt wird.
Das Gedicht selbst handelt von den Situationen in einem Lager, in dem Menschen
getötet werden.
Paul Celan, der in einer jüdischen Familie geboren wurde, verlor beide
Elternteile, welche in Konzentrationslagern starben und konnte sich somit noch
mehr in die Situation der Gefangenen hineinversetzen. Er differenzierte in
seinem Gedicht die im Lager lebenden und sterbenden Personen.
Da ist zum einen der Lageraufseher , welcher im Gedicht mit "ein Mann" und "er"
personifiziert wird. Er entspricht mit seinen blauen Augen aller Voraussicht nach
der idealen Vorstellung Hitlers eines deutschen Mannes. Der "Mann wohnt im
Haus", in welchem er "schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland". Er schreibt
seiner Frau Margarete, die, mit ihrem goldenen Haar, ebenfalls dem
"deutschen Ideal" entspricht. Vielleicht schreibt der Lageraufseher auch
Berichte über die Tötung und Lebensumstände der Lagerinsassen. Er war der
Verfolger und Unterdrücker im Lager, derjenige , "der spielt mit den Schlangen", mit der
gefährlichen Macht des Bösen. Mit den Schlangen könnten allerdings auch die SS-Runen gemeint sein, da
sie wie Schlangen aussehen. Tritt er aber vor das Haus so übt er seine Macht auf zynische , brutale
Weise aus. Er befiehlt, pfeift seine Rüden hervor und "schwingt sein Eisen", sein Pistole, und trifft genau
"mit bleierner Kugel" (2) • In dem Gedicht heißt es ebenfalls: "er pfeift seine Juden hervor", das
heißt, die Juden werden nicht nur wie Hunde behandelt, sondern auch als sein
Eigentum angesehen. Die Insassen werden wie Skaven gehalten, was Heinrich
Himmler in seiner Rede vor SS-Führern in Posen mit den Worten: "Ob die andern
Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert
mich nur so weit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen( ... )" (3) ,
bestätigt.
Doch als ob dies nicht schon schlimm genug sei!
Die bis zu diesem Zeitpunkt bekannten Foltermethoden reichten den Deutschen
nicht aus, sodass sie bessere zu entwickeln versuchten. "Der Tod ist ein Meister
aus Deutschland" heißt es in diesem Gedicht. Das Wort Meister soll die Perfektion,
die den Deutschen immer wieder nachgesagt wird, symbolisieren, die
Perfektion zur Entwicklung von Foltermethoden. Es reichte nicht aus, dass die
Juden überhaupt getötet wurden. Man hatte sich als Ziel gesetzt, so viele Juden
in möglichst kurzer Zeit zu liquidieren, wie es nur möglich war.
Genau diese Vorstellung notierte Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz,
nach Kriegsende: "Er wandte Monoxid-Gas an, und nach seiner Ansicht waren
seine Methoden nicht sehr wirksam. Als ich das Vernichtungsgebäude in
Auschwitz errichtete, gebrauchte ich also Zyklon B, eine kristallisierte
Blausäure, die wir in den Todeskammern durch eine kleine Öffnung einwarfen. Es
dauerte 3 bis 15 Minuten, je nach klimatischen Verhältnissen, um die Menschen
in der Todeskammer zu töten." (3)
Die skrupellose Ausrottung der Juden war eines der Ziele von Hitler, welche er
seinen Anhängern als Aufgabe auferlegte und auch wenn es einige gab, die diese
Vorgehensweise nicht guthießen, zog der Großteil der Verantwortlichen mit
Hitler an einem Strang, so wie der Lageraufseher hier.
Gegenüber dem Lageraufseher stehen die Lagerinsassen. Sie sind die
Erniedrigten und Verfolgten (2) , welche unter Todesängsten im Lager arbeiten
müssen und bis zum letzten Atemzug auf ihre Befreiung hoffen.
Paul Celan wusste durch eigene Erfahrungen, wie schlimm so etwas sein kann.
Zwar wurde er nicht in ein Konzentrationslager deportiert, musste allerdings
zwischen 1942 und 1943 in verschiedenen rumänischen Arbeitslagern
Zwangsarbeit im südmoldawischen Straßenbau absolvieren
Die Lagerinsassen trinken laut dem Gedicht "Schwarze Milch". Diese Metapher
könnte ein Symbol für das Leiden sein. Während die Milch für das Reine und
Unschuldige, sowie für das Leben steht, wird durch die Voranstellung "schwarz"
genau das Gegenteil erzeugt. Es entsteht eine Gefühl der vollkommenen
Hoffnungslosigkeit und wenn man sogar noch weitergeht, weist es auf das nicht
vorhandene Leben hin. Schwarz wie der Tod. (2)
Genau so haben sich wahrscheinlich die Lagerinsassen gefühlt, leblos und in einer
Art Ohnmachtzustand, in welchem sie die Befehle des Aufsehers einfach
befolgten. Sie, die im ersten Abschnitt als Juden ausgemacht werden,
"schaufeln ein Grab in den Lüften". In vielen Berichten und Darstellungen der
Nachkriegszeit wird dargestellt, dass sich die Lagerinsassen ihr eigenes Grab
schaufeln mussten, in welches sie, von "bleierner Kugel" getroffen, hineinfielen
und starben. Somit erleichterten sich die Lageraufseher die Arbeit, da das
Grab, meistens Massengräber, nur noch von anderen "Sklaven" zugeschüttet
werden musste.
Aber als sei dies noch nicht menschenverachtend genug, wurden bei solchen
Angelegenheiten oder anderen Spektakeln die Juden gezwungen, zum Tanz aufzu-
spielen.
Im Gedicht wird eine Differenzierung zwischen den Lagerinsassen gemacht. Die
einen, die Gräber graben und "tiefer die Spaten" ins Erdreich stechen und die
anderen, die singen und spielen sollen. Die Musizierenden sollten "dunkler die
Geigen" streichen, dann würden sie als Rauch in die Luft steigen und somit "ein
Grab in den Wolken haben", denn "da liegt man nicht eng". Mit dem
Satz "wir steigen als Rauch in die Luft", spielt Paul Celan auf die
Vergasung der Juden in den Konzentrationslagern an. Nachdem man diese
Methode perfektioniert hatte, starben laut Erber 70 Prozent aller Opfer in einer
Gaskammer.(3)
Ein weiterer wichtiger Punkt, auf den das Gedicht anspielt, ist die Jüdin im
Lager. Sie ist mit ihrem aschenem Haar genau das Gegenteil zur schon
erwähnten Margarete. Beide Frauen bleiben passiv. Sie werden immer nur
zwischendurch und zum Schluss namentlich genannt. Ihnen wird aber keine
spezielle Rolle zugewiesen. Es wäre vorstellbar, dass die Jüdin Sulamith die
versklavte Geliebte des Kommandanten im Lager ist, während die Frau des
Kommandanten, Margarete, zu Hause weilt und auf ihren Mann wartet, der ihr
nur Briefe zuschickt. Beide sind dadurch in der Opferrolle. die eine, weil sie von
ihrem Mann betrogen wird und die andere, weil sie gezwungen wird, als Geliebte
herzuhalten.
Zu dieser Zeit war es übrigens nicht untypisch, dass sich die Lageraufseher mit
den Gefangenen ihren Spaß erlaubten, bevor diese qualvoll und unmenschlich
starben.
Viele Jüdinnen dachten, sie könnten so ihrem Leid entgehen. Doch was man auch
machte, am Ende mussten alle sterben.
Sehr auffällig bei Paul Celans Gedicht "Todesfuge" ist der Aufbau. Die immer
wieder auftretenden Wiederholungen, wie "Schwarze Milch der Frühe wir
trinken sie abends" oder "Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen"
könnten für das wiederholte Foltern und Töten der Juden stehen.
Ebenfalls, wie die Wiederholungen, hilft auch der Rhythmus. Der freie
Rhythmus, der dieses Gedicht aufzulockern scheint, verdeutlicht die
Handlungsfreiheit der Lageraufseher , welche nach Lust und Laune die Juden
schikanieren und in Todesangst versetzen konnten.
Die Zeit der Konzentrationslager, das Leiden der Juden und das Handeln der
Lageraufseher ziehen sich wie ein roter Faden durch das Gedicht, was man
anhand der fehlenden Satzzeichen erkennen kann. Es ist wie ein langer Atemzug,
der anhält, bis ihm durch die Einnahme des Deutschen Reiches der Siegermächte
ein Ende gesetzt wurde.
Diese Einnahme beendete das skrupellose und qualvolle Töten vieler Menschen
und rettete den Lagerinsassen, die unter solchen Bedingungen noch überlebten,
das Leben.
2) Vergleich nach www.celan-projekt.de
3) Zitate nach "Zeit und Menschen", Band 3, Seite 108/109





