Paul Celan "Todesfuge"

Paul Celan: Todesfuge

 

"Todesfuge", ein Gedicht von Paul Celan, einem aus jüdischem Elternhaus

stammenden Lyriker und Übersetzer, geschrieben 1945 und 1952 veröffentlicht, ist

einem therapeutischen Schreiben gleichzusetzen, in dem er persönliche,

erschütternde Erlebnisse während des Nationalsozialismus einfließen lässt und

dementsprechend versucht zu verarbeiten.

Im wahrsten Sinne ohne Punkt und Komma schreibt sich Paul Celan die quälenden

und unverdaubaren Erfahrungen von der Seele. Der formale Aufbau des Gedichts

unterstreicht dies:

Die Eindrücke und Erlebnisse, oft zu Chiffren verzerrt, sind ohne Satzzeichen

niedergeschrieben und gehen ineinander über.

Einige wiederkehrende Motive sind auszumachen, die dem Gedicht letztlich doch

noch einen roten Faden verleihen.

Das Gedicht handelt von einem Konzentrationslager während der NS-Zeit, in dem

viele Menschen, zu minderwertigen "Untermenschen" degradiert, den Tod auf

diverse und brutale Art finden.

Betont durch Wiederholungen werden gewissen Motiven metaphorische Bedeutung

zugewiesen und gleichzeitig dem an für sich rhythmusfreien Gedicht, in Anlehnung

an den hoffnungslosen und beänstigenden Alltag in einem Konzentrationslager, eine

beinahe stumpfsinnige Regelmäßigkeit verliehen.

Besondere Aufmerksamkeit verlangen die erwähnten Motive.

So wird mit dem "goldenen Haar" Margaretes die idealtypische, arische Vorstellung

der Nationalsozialisten assoziiert, die ebenso bei den "blauen Augen" des KZ-

Aufsehers durchklingt.

Margarete als Idealtypus der nationalsozialistischen Vorstellung bleibt jedoch

während des gesamten Gedichts passiv und bezieht trotz offensichtlichen Bezugs zur

deutschen Täterseite keine Stellung gegen bzw. zur genannten Ideologie.

Eine Parallelstellung zur jüdischen Sulamith, der Repräsentantin der jüdischen

Opfer, im Alten Testament im Hohelied Salomons als wunderschöne Braut besungen

und nun aschenes Haar zur Schau tragend, wird jedoch offenkundig (vgl. www.celan-

projekt.de ).

Der Begriff "Asche" stellt deutlichen Bezug zu Tod und der damaligen industriellen

Vernichtungsweise der Lagerinsassen her, besondere Bedeutung hierbei haben die

Krematorien inne, demnach findet sich folgender Auszug in unserem Geschichtsbuch

wieder:

"Automatisch öffnen sich die schweren Ofentüren und das Schiebewerk wird in den

bis zur Weißglut erhitzten Ofen eingeführt. In 20 Minuten sind die Leichen

eingeäschert (Seite 111, M7, Zeile 15)."

Im Zusammenhang der Vernichtung der KZ-Insassen steht ebenso "die bleierne

Kugel", mit der eben diese erschossen werden. Folgende Aussage findet sich

wiederum im Geschichtslehrbuch:

"Traurige Berühmtheit erhielten die Vorfälle vom 29. und 30.09.1941, als die SS-

Einheiten bei Babi Yar (Ukraine) weit über 30.000 Juden erschossen (Seite 107)."

Paul Celans Mutter selbst ist durch einen Genickschuss im Arbeitslager Michailowka

ums Leben gekommen.

Diese traumatische Begebenheit greift Paul Celan immer wieder in seinen Werken, so

auch in diesem, auf.

Gleichfalls ein Leitthema ist das ungreifbare Böse, dass sich in Personen manifestiert:

"Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen"

Der KZ-Aufseher spielt mit den Schlangen, der Anklang des Sündenfalls des Alten

Testaments führt zum teuflischen Symbol der Schlange als gefährliches Spiel mit

dem Bösen. Ebenso werden die schlangenförmigen SS-Runen angedeutet.

Hierbei entsteht der Zusammenhang mit der Aufsicht über die Konzentrationslager,

welche die SS innehatte.

Religiöser Glaube klingt wieder bei den "Gräbern in den Lüften" durch.

Die Sehnsucht nach einer Erlösung steht im Vordergrund, das Ende von Angst und

Qual und damit das Ende der Gefangenschaft, welches in jener aussichtlosen Lage

nur durch den Tod herbeigeführt werden kann.

Das "Grab in den Lüften" symbolisiert den Himmel im religiösen Sinne und

verkündet gleichsam etwas Höheres, das für die Leiden entschädigt.

Das bilderhafte "da liegt man nicht eng" spricht die alltägliche, irdische Sorge und

Qual aufgrund katastrophaler Platzverhältnisse im KZ aus und nimmt dieser zugleich

die unerschütterliche Gegebenheit.

Es gibt einen Ort, wo diese unbedeutend und die Opfer der Ideologie Hitlers frei sein

werden.

Doch trotz dieser Sehnsucht nach Freiheit und Frieden und Ruhe und dem qualvollen

Dahinvegetieren unter unmenschlichen Bedingungen, leben die Lagerinsassen noch

genug, um sich bewusst zu sein, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln.

Genauso wie sie den kennen, der sie höhnisch dazu treibt:

"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland", weil er alles perfektionistisch und

systematisch plant und durchführt, der die Pistole auf sie richtet, während sie "süßer

den Tod spielen", zum Begräbnis der Mitinsassen tanzen und singen müssen.

Sie wissen um den Hohn und Spott und die zynische Absicht dabei.

Er pfeift sie hervor, wie er seine Hunde herbeipfeift und spielt mit ihnen ein

grausames Spiel.

Doch trotz des Grabes, einer Grube im Boden gleichend, welches sie im Begriff sind

zu graben, ist all ihr Denken nur auf jenes in den Lüften fokussiert.

Schließlich, auf dem Höhepunkt der Grausamkeit, "trifft ( er) mit bleiernen Kugeln"

und scheint selbst nicht zu ahnen, dass er ihnen "schenkt", wonach sie sich in ihrer

Situation, dem Anfang ihres Endes, nur sehnen:

"( ... ) er schenkt uns ein Grab in der Luft".

Eine Schlüsselmetapher des Gedichts ist offensichtlich die "schwarze Milch".

Dieser liegen drei Möglichkeiten der Deutung zu Grunde; erstens ein jüdisches

Sprichwort:

"Wenn alle Menschen im Unglück leben - Mordechai Meisel in der weißen Milch der

Frühe badet. "

Hierbei wird Mordechai Meisel als vollkommener Glückspilz charakterisiert, den er

in jüdischen Sagen wiederkehrend verkörpert (vgl. www.celan-projekt.de).

Die Darstellung der "schwarzen Milch" zeigt dabei die Tragweite der

Hoffnungslosigkeit, des Pechs und des Elends auf.

Eine weitere Möglichkeit findet sich im Klagelied des Jeremia im Alten Testament:

"Ihre Männer waren reiner als Schnee, weißer als Milch, ihr Leib rosiger als

Korallen, saphirblau ihre Adern.

Schwärzer als Ruß sehen sie aus, man erkennt sie nicht auf den Straßen. Die Haut

schrumpft ihnen am Leib, trocken wie Holz ist sie geworden."

Die Schilderung bezieht sich auf den übergroßen Schmerz Jerusalems und seiner

Einwohner über den Untergang des Südreichs und der Zerstörung des Tempels (vgl.

www.celan-projekt.de).

Im Bezug auf das Gedicht Paul Celans ist die schwarze Milch eine Chiffre für das

Verkommen der jüdischen Männer bzw., allgemeiner gefasst, des jüdischen Volkes

und demnach eine sichtbare Folge der inhumanen Behandlung und Verstümmelung

durch das Naziregime.

Im Zusammenhang mit einem Gedicht eines Freundes von Paul Celan taucht ebenso

die Metapher "schwarze Milch" auf und bezieht sich auf das Sterben bzw. den Tod

einer Mutter.

In der "Todesfuge" sei dies nun auf das Sterben bzw. den Tod des jüdischen Volkes

bezogen.

Welche der drei gegebenen Bezüge auch als Grundlage gelten soll:

Das Oxymoron "schwarze Milch", steht in Beziehung zu etwas Negativen, geradezu

Bedrohlichen, dem Tod, welcher gewöhnlich mit der Farbe Schwarz assoziiert wird.

Milch als Grundnahrungsmittel hingegen steht in Verbindung mit dem Leben.

Schon in dieser Metapher wird also das Spiel mit Leben und Tod, welches das

Gedicht durchzieht, deutlich.

Ein weiteres Augenmerk gilt auf die Aneinanderstellung der Tageszeiten zu richten.

So wird die "schwarze Milch der Frühe" ebenso mittags, abends und nachts

getrunken.

Der Bezug zur Allgegenwart und Schutzlosigkeit vor der immemahen Bedrohung,

des Todes, wird hergestellt (vgl. de.wikipedia.orglwiki/Todesfuge).

Nachdem wir auf den Inhalt des Gedichts und dessen Bedeutung eingegangen sind,

möchte ich nun den Titel "Todesfuge" näher betrachten:

Eine Fuge (von lat. fuga - Flucht) ist eine musikalische Kunstform, in der ein Motiv

in verschiedenen Stimmen auftritt und in diesen Veränderungen erfährt. Das Motiv

jedoch bleibt bestehen.

In Celans Gedicht wird das durch sprachliche Bausteine simuliert, welche immer neu

kombiniert werden (vgl. de.wikipedia.orglwiki/Todesfuge ).

Das Anfangsmotiv der "schwarzen Milch" wird dementsprechend immer wieder

aufgenommen und weitergesponnen.

Eine "Todesfuge" könne demnach als Flucht (fuga) vor bzw. in den Tod interpretiert

werden.

Andererseits klingt, in Anlehnung an die musikalische Kunstform, die Vielfältigkeit

des einen Motivs durch.

Das Motiv sei hierbei der Tod bzw. der Mord an den Juden.

Dieses Leitthema wird nun unter Berücksichtigung diverser Aspekte wiederholt und

weiter vertieft.

So lassen sich in dem Gedicht nacheinander z.B. Opferseite und Täter erkennen, die

Ohnmacht der Juden im KZ und die Machtstellung des Aufsehers, deren und dessen

Sehnsüchte und die Realität, die in den meisten Fällen zum Tod führt.

Für mich persönlich zeugt dieses Gedicht von dem grausamen Taten der damaligen

totalitären Terrorregierung und untermalt jenes Unrecht, welches viele Menschen,

darunter auch der Autor dieses Werkes, zermürbt hat, deren alptraumhafte Schrecken

vielen ihr gesamtes Leben nachgehangen haben und die nur im Tod das Ende ihres

qualvollen Lebens, der immer wiederkehrenden Alpträume, haben sehen können, so

hat sich Paul Celan am 20. April 1970 in Paris das Leben genommen. Seine Leiche ist

in der Seine gefunden worden.

Abschließend gleicht dieses Gedicht meiner Meinung nach einem Gedenken an

unzählige, namenlose Opfer einer völlig idiotischen Ideologie und ist ein wichtiger

Bezugspunkt zu einer Vergangenheit, die uns nachhängt und mit der wir oft nichts zu

tun haben wollen, die man jedoch im Blick haben muss, damit sie keinen Raum für

eine Wiederholung erfahrt.

 

Jana Appel