Märchen

 

Diskriminierung und Ausgrenzung von Märchenfiguren

 

von Zoe Wolf

 

In fast jedem Märchen findet man ausgegrenzte Figuren, zumeist die, die das "Böse" sozusagen den Gegensatz zum Held bzw. der Heldin darstellen sollen. Hier stellt sich die Frage, wie man "Böses" oder "Gutes" unterscheidet und vor allem definiert. Meiner Meinung nach sind die Märchenfiguren die das "Böse" verkörpern, anfangs gar nicht schlecht und verdorben, sondern werden erst von den "Helden" dazu getrieben.

Paradebeispiel hierfür wäre die 13. Fee aus Dornröschen, die erst durch ihre Ausgrenzung, dem Tellerproblem zufolge, gekränkt und beleidigt Partei gegen das Königshaus ergreift. In später überlieferten Versionen wird sie, zudem mit der 13, der "Unglückszahl" in Verbindung gebracht, als Hexe einem allgemein negativ konnotierten Ausdruck, bezeichnet. Ist es deshalb so unglaublich, dass die "13. Hexe" infolge der Geschichte schlecht wird? Letztendlich erfüllt sie die Erwartungen der Leser (self-fulfilling prophecy)und dient auch, da sie vor allem durch ihre negative Konnotation sofort als schlecht empfunden wird, als Kontrast zu den 12 guten Feen, die erst durch das "Böse" der 13. als wirklich "gut" empfunden werden.

 

Eine andere Märchenfigur, die man in diesem Zusammenhang erwähnen könnte, wäre Rumpelstilzchen aus dem gleichnamigen Märchen. Es hilft einer im Prinzip zu Tode Verurteilten zur Prinzessin zu werden, im Ausgleich für Schmuck und ihr Erstgeborenes. Es findet ein Versprechen im Zusammenhang zu Letzterem statt. Dann jedoch verwehrt sie, jetzt schon Königin, Rumpelstilzchen ihren Teil des Handels und Rumpelstilzchen gibt ihr sogar noch eine Möglichkeit dem Handel zu entrinnen. Diese Möglichkeit wird prompt ausgenutzt, jedoch aber nur durch Täuschung, Spionage und Lügen ihrerseits vollbracht. Dies sind die Tugenden, die Kindern schon früh von der Heldin des Märchens beigebracht werden. Eine Frau, die bereit war, ihr Erstgeborenes für Wohlstand und den Königstitel herzugeben.

Im Gegensatz dazu das "böse" Rumpelstilzchen, das fernab von jeder Zivilisation alleine im Wald lebt. Ist es da so verwunderlich, dass es jemanden sucht, der nicht seiner Körpergroße und seines Andersseins wegen diskriminiert und /oder ausgegrenzt wird? Zu diesem Zweck sollte höchstwahrscheinlich das Erstgeborene der Märchenheldin dienen, das frühzeitig die Akzeptanz Rumpelstilzchens erlernen sollte, da es auch von Rumpelstilzchen aufgezogen werden sollte. Zudem gibt er der Königin noch einen Ausweg aus dem Handel, da er zusätzlich die Gefühle der Königin in Bezug auf ihr Kind neben seinen eigenen betrachtet und ihr dann aufgrund ihrer Mutterliebe eine letzte Chance gibt. Nur anhand der Eigenschaften wäre eigentlich Rumpelstilzchen (einsam, fürsorglich, auf andere bedacht) der Held und die Königin (trügerisch, unehrlich) der Bösewicht dieses Märchens.

 

Ähnlich wie Rumpelstilzchen leben auch die 7 Zwerge aus „Schneewittchen" alleine im Wald. Hierbei stellen sich viele Fragen, die jedoch nur anhand des Märchens nicht beantwortet werden können: Wurden sie ihrer Kleinwüchsigkeit wegen in Städten und Dörfern nicht akzeptiert und mussten deshalb in den tiefsten Wald ziehen? Wollen sie nicht gefunden werden? Haben sie jeden Gedanken an das Gute des Menschen verloren? Leben sie freiwillig mitten im Wald?

Diese Fragen und ähnliche könnten nur anhand des Märchens nicht näher beleuchtet werden, aber einige Aussagen kann man schon herausfiltern. Sie sind durch ihre Kleinwüchsigkeit nicht der Norm entsprechend und dies in einer Gesellschaft, die Frauen ihrer Sommersprossen wegen als Hexen verbrannt hat. Unter diesem Aspekt liegt die Vermutung nahe, dass sie entweder fliehen mussten oder aus vorherigen Wohnstätten vertrieben wurden und sich dann zu einer Gemeinschaft zusammenrotteten, da sie dies wahrscheinlich als sicherer empfanden.

 

Letztendlich wäre noch das Märchen einzubringen, dass alle bisher genannten Punkte aufführt – Hänsel und Gretel. Hier ist wieder eine Hexe der Bösewicht und Hänsel und Gretel, zwei arme kleine Kinder, die Helden. Zuerst stellt sich die Frage, wieso man die Hexe eigentlich als "böse" oder überhaupt als "Hexe" empfindet. Aus ihrem Handeln würde man nicht auf eine "böse Hexe", sondern auf eine arme, fast blinde, alte Frau schließen, die ganz alleine im Wald lebt und hilfsbereit ist, da sie zwei vollkommen mittellose Kinder bei sich aufnimmt und sie auch versorgt im Tausch gegen ein paar kleine Hilfen im Haushalt. Dass sie "böse" ist und die Kinder verspeisen will, wird von dem Text vorgegeben und nicht durch ihr Handeln dem Leser näher gebracht. Hier jedoch könnte man aufführen, dass sie Hänsel einsperrt, aber auch hier müsste ich auf ihre Einsamkeit verweisen, da sie wahrscheinlich einfach nur nicht wieder verlassen werden und wieder allein sein will. Außerdem ist sie nicht mehr an den Umgang mit Menschen gewöhnt und wählt deshalb diese etwas drastischere Methode. Zudem tut sie dies alles für die Kinder, die wissentlich ihr Lebenswerk, ihr Lebkuchenhaus, demoliert haben, weshalb sie sich vielleicht in dem Märchen auch den ein oder anderen schlechten Scherz erlaubt. Zum Dank für ihre Gastfreundschaft wird sie von den zwei Kindern in ihrem eigenen Ofen verbrannt.

 

Eine merkwürdige alleinstehende Eigenbrötlerin wird verbrannt?

 

Dies erinnert wieder an die Hexenverbrennung zu der Zeit, als dies Märchen auch ungefähr in den Umlauf kam. Förderten gerade solche Märchen, in denen unschuldige Frauen als Hexen bezeichnet wurden, den Prozess der Hexenverbrennungen? Jeder kannte solche Märchen wie diese und wahrscheinlich tauchten auch erst durch sie die ersten "Hexen" auf. Ist die ganze düstere Zeit der Hexenverbrennung Märchen zu verdanken? Oder entstanden sie erst, nachdem die ersten "Hexen" angeklagt wurden? Dies ist genauso schwer herauszufinden wie die klassische Frage: "Was kam zuerst - das Huhn oder das Ei?". Nur, dass es in diesem Fall heißen würde: "Was kam zuerst - das Märchen oder die Verurteilung Unschuldiger?"