
"Todesfuge" von Paul Celan
Interpretation von Natalie Jahn
Paul Celan schrieb, traumatisiert durch Erfahrungen, die er im Zweiten Weltkrieg als
rumänischer Jude machen musste, im Jahre 1945 sein wohl bekanntestes Gedicht,
"Todesfuge". Um dieses schwer verständliche, ohne Satzzeichen verfasste und durch
zahlreiche Satzwiederholungen gekennzeichnete Gedicht ansatzweise interpretieren zu
können, möchte ich mich erst einmal auf die Überschrift konzentrieren. Der Titel
"Todesfuge" zeigt dem Leser bereits deutlich, dass es in diesem Gedicht in erster Linie
von dem Tod handelt. Der Begriff "Fuge" kann hingegen auf zweierlei Weise gedeutet
werden. Eine Fuge in der Musik ist ein nach strengen Regeln aufgebautes Musikstück,
das von einem bestimmten Thema durchzogen ist. In dem vorliegenden Gedicht könnte
mit dem Begriff Fuge der Hinweis gegeben sein, dass sich der Tod wie ein roter Faden
durch das gesamte Gedicht hindurch zieht. Fuge kann, vom Lateinischen ausgehend,
jedoch auch Flucht bedeuten. Todesfuge kann also sowohl als Flucht durch den Tod,
sprich, Flucht vor der grausamen Wirklichkeit, als auch Flucht vor dem Tod,
beispielsweise durch Kollaboration, interpretiert werden. Nun jedoch stellt sich die
Frage, vor welcher grausamen Wirklichkeit man fliehen könnte und mit wem man
kollaborieren sollte. Paul Celan schreibt von Juden, "er pfeift seine Juden hervor lässt
schaufeln ein Grab in der Erde/ er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz" und "er ruft
streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft/ dann habt ihr ein Grab
in den Wolken da liegt man nicht eng". Diese syntaktischen Assoziationen lassen
vermuten, dass Celan Leben und Alltag in Arbeits- und Konzentrationslagern zur Zeit
des Nationalsozialismus in Deutschland lyrisch ausarbeitet. Der Leser erfährt, wie
Juden vor ihrem eigens ausgehobenen Grab stehen und, bevor sie der Tod durch
Erschießen erwartet, gezwungen werden, ihre eigene Begräbnismusik zu spielen oder
dann später, da den Nationalsozialisten diese Methode des Mordens zu lange dauerte, in
Gaskammern, angeblich zum Duschen, zusammengepfercht werden, um in kürzester
Zeit zu hunderten vergast und danach verbrannt zu werden. Sie stiegen als "Rauch in
die Luft", hinein in ihr "Grab in den Wolken", wo es keine Grausamkeit und keine Enge
mehr gibt. Vielleicht sah Celan dieses, als Rauch in die Lüfte aufsteigen seiner
Glaubensbrüder als eine Art Todesfuge, als eine Flucht vor der Wirklichkeit in den Tod
an, da er am Ende des Gedichtes von dem Geschenk eines Grabes in der Luft schreibt.
Dies verdeutlicht auf eigentümliche Weise das unbeschreibliche Leid der Juden in
Nazideutschland. In diesem Gedicht berichtet Celan auch von einem "Mann der
schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete/ er schreibt
es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne/ er pfeift seine Juden hervor lässt
schaufeln ein Grab in der Erde/ er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz". Wer jedoch ist
dieser Mann mit den blauen Augen und den Rüden, die er auf die Juden hetzt und einen
perversen Befehl nach dem anderen erteilt, um gnadenlos foltern zu können? Durch die
Information, dass er blaue Augen hat und Hunde besitzt, kann man sehr stark davon
ausgehen, dass es sich bei diesem Mann um einen deutschen Lagerkommandanten
handelt. Dieser Mann scheint zwei Seiten, zwei Gesichter zu haben. Einerseits sitzt er zu
Hause und schreibt Briefe an seine blonde Verlobte, Ehefrau oder Bekannte, die den
typisch deutschen Namen Margarete trägt. Was der Mann ihr schreibt, ist nicht
bekannt, aber man könnte vermuten, dass er ihr seine wahren Gefühle, sein eigentliches
Ich offen darlegt. Vielleicht quälen auch ihn Skrupel und Schuldgefühle, verantwortlich
für den Tod von so vielen oftmals unschuldigen Menschen zu sein. Doch dies scheint nur
eine Seite des vermeintlichen Lagerkommandanten zu sein. Celan schreibt, dass er
Juden herumkommandiert, Befehle erteilt, seine Hunde auf die Gefangenen hetzt und
mit den Schlangen spielt. Dem Leser wird nun eine weitere Seite, eine öffentliche und
grausame Seite des Mannes aufgezeigt. Es ist die Seite eines gefühlslosen, brutalen und
kalten Mannes, der auf Befehl des Staates sinnlos mordet. Diese zynische und grausame
Seite ist erst zu erkennen, wenn er das, vielleicht sein eigenes Haus verlässt. Vielleicht
muss er diese Rolle spielen, vielleicht ist sie aber auch fester Bestandteil seines Selbst.
Celan schreibt zweimal, dass dieser Mann mit den Schlangen spielt. Der Gebrauch des
Verbs "spielen" lässt darauf schließen, dass ihm sein Tun eine perverse Art von Freude
und Befriedigung bereitet. Die Schlangen können einerseits ein aus dem 1. Buch Mose
bereits genanntes Symbol des Bösen, der Falschheit sein, aber andererseits auch als eine
Metapher für die SS, die Staatssicherheit, gedeutet werden, sprich, der Mann spielt mit
den Anweisungen des Staates zur eigenen Befriedigung. Der Mann scheint jedoch in
diesem Gedicht einen inneren Wandel zu durchleben. Im letzten Drittel schreibt Celan
zweimal, dass der Tod ein Meister aus Deutschland sei. Während es beim ersten Mal
noch heißt "er ruft spielt süßer der Tod ist ein Meister aus Deutschland" lautet es beim
zweiten Mal schon "er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland". Die Worte "Meister aus Deutschland" könnten eine von Celan bewusst
gewählte Anspielung auf den deutschen Perfektionismus sein, selbst der Tod, das
Morden, muss perfektioniert werden. Dies zeigt sich beispielsweise in einer von Rudolf
Höß, dem Kommandanten des Konzentrationslagers von Auschwitz, notierten
Erinnerung über die "Endlösung der Judenfrage": "Er (der Lagerkommandant von
Treblinka) wandte Monoxid-Gas an, und nach seiner Ansicht waren seine Methoden
nicht sehr wirksam. Als ich das Vernichtungsgebäude in Auschwitz errichtete,
gebrauchte ich also Zyklon B, eine kristallisierte Blausäure, die wir in die Todeskammer
durch eine kleine Öffnung einwarfen. Es dauerte 3 bis 15 Minuten, je nach klimatischen
Verhältnissen, um die Menschen in den Todeskammern zu töten. (Zitat nach:
Wochenschau 49, März/ April 1998, s. 171). Während der Kommandant des Gedichtes
die Worte "der Tod ist ein Meister aus Deutschland" zuerst nur ruft, vielleicht aus
Pflicht, träumt er am Ende bereits davon. Er scheint letztendlich allen vielleicht
ansatzweise existierenden menschlichen Skrupel endgültig abgelegt zu haben und ist
nun von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt. In enger Verbindung mit dem Mann
erscheinen auch die Worte "dein aschenes Haar Sulamith", das dieselben syntaktischen
Fügungen wie "dein goldenes Haar Margarete" besitzt. Das Adjektiv aschen und der
Name Sulamith weisen beide auf Juden hin. Viele sind nur noch Asche, da sie bereits
verbrannt wurden und nun ihr "Grab in den Lüften" haben. Der Name Sulamith
kommt aus dem Hebräischen und findet sich ganze zweimal in der Bibel im Hohelied der
Liebe, wo sie die Rolle der Geliebten einnimmt. Sulamith, wie Celan sie nannte, scheint
also die Geliebte des Mannes zu sein, ob freiwillig oder gezwungener Maßen steht in den
Sternen. Die Vermutung liegt nahe, dass sie es aus beiden Stücken her ist. Ihre
Liebschaft mit dem Lagerkommandanten kann somit auch eine Art der Todesfuge,
einer Flucht vor dem Tod durch Kollaboration, sein. Einen wichtigen teil des Gedichtes
nimmt die Metapher der "Schwarzen Milch der Frühe" ein. Celan schreibt, "wir
trinken sie abends! wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts! wir
trinken und trinken". Das Wörtchen "wir" zeigt dem Leser gleich als fünftes Wort des
ganzen Gedichtes, dass Celan genau erfuhr, was er schrieb. Man erkennt, dass dieses
Gedicht autobiographisch aufgebaut ist, da er selber in verschiedenen Arbeitslagern
gequält wurde und beide Eltern in Konzentrationslagern verloren hat. Dieses Gedicht
erfüllt also ganz den Sinn des therapeutischen Schreibens, des Schreibens, um endlich
vergessen zu können. Doch was meinte er mit der viermal gebrauchten Formel der
"Schwarzen Milch der Frühe"? Die Metapher könnte als Zeichen und Symbol der
absoluten Hoffnungslosigkeit und als Verlust jeglicher gesellschaftlichen Ordnung
gedeutet werden, da die Farbe Schwarz das Symbol der Trauer, des Schmerzes ist,
während die Milch ein Symbol des Lebens und der Nahrung ist. Die natürliche Quelle
des Lebens ist so stark vergiftet, dass normales Leben nicht mehr möglich ist. Trauer
und Schmerz passen jedoch auch nicht mit Leben und Nahrung zusammen, sodass
"schwarze Milch" als Oxymoron gedeutet werden kann. In Konzentrationslagern gab es
somit keine gesellschaftliche Ordnung, kein Miteinander mehr. Für jeden zählte nur
noch das eigene Überleben, auch auf Kosten des anderen. Die Juden und somit auch
Celan selbst, da er sich mit ihnen durch das "wir" identifiziert, erfuhren dies also
morgens, mittags, abends und nachts, immer, jeden Tag, "wir trinken und trinken".
Paul Celan versucht außerdem, dem Leser einen direkten Einblick in seine
Erfahrungen, in seine Situation zu vermitteln, indem er ihn im letzten Viertel des
Gedichtes persönlich anredet, "er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau",
was, auch durch den Gebrauch einer Correctio, seinen Worten noch stärkeres Gewicht
verleiht. Auffällig an der "Todesfuge" ist, dass sie ohne jegliche Satzzeichen und mit
einem scheinbar willkürlichen Gebrauch der Groß- und Kleinschreibung am
Zeilenanfang verfasst ist. Dies könnte ein Hinweis auf Celans starke Emotionen, die er
mit diesem Teil seiner Vergangenheit verbindet, sein. Celan schrieb dieses Gedicht, um
endlich vergessen zu können, er verfasste es aus rein therapeutischen Gründen.
Vielleicht wollte er durch den Nichtgebrauch von Satzzeichen ausdrücken, dass dieses
Leid für ihn keinen Anfang und kein Ende zu haben schien, denn selbst am Schluss des
Gedichtes findet sich kein Punkt, kein Hinweis, dass diese syntaktischen Assoziationen
nun ein Ende gefunden haben. Der schier willkürliche Gebrauch der Groß- und
Kleinschreibung jedoch könnte, gleich wie das Oxymoron der "Schwarzen Milch", ein
Hinweis auf den Verlust jeglicher gesellschaftlichen Ordnungen und alltäglicher Regeln
sein, die im Konzentrationslager letztendlich doch zum Überleben führten.
Abschließend bin ich der Meinung, dass die "Todesfuge" von Paul Celan einen wahren
Einblick in die Gefühlswelt eines Opfers des Nationalsozialismus ermöglicht und somit
ein wahrlich wertvolles Werk für alle Nachkriegsgenerationen ist.